Viele Gründe, wieso laufen leider geil ist

Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich etwas sport- und vor allem laufverrückt bin. Zuletzt wurde es mir heute früh bewusst: Als auch aufwachte, dachte ich nämlich, dass ich eigentlich doch ganz gerne morgen beim Hella Halbmarathon hier in Hamburg mitlaufen würde. Dabei hatte ich doch gesagt, dass eine Teilnahme drei Wochen nach dem Stockholm Marathon ziemlich bescheuert wäre und genau deshalb hatte ich mich weder angemeldet noch in letzter Zeit darauf trainiert. Und zack: ich möchte doch laufen – zufälligerweise am längsten Tag des Jahres. Völlig untrainiert bin ich ja nicht – aber in den letzten Jahren hätte ich krampfhaft versucht, einen neuen Rekord aufzustellen und wäre weniger entspannt ran gegangen. Dieses Jahr habe ich gelernt, mich von der Rekorde-Jagd zu lösen. Inzwischen weiß ich, dass ich gewisse Laufdistanzen schaffe – es geht nicht mehr darum, es mal gemacht zu haben. Ich mache das ehrlich zum Spaß. Und spaßige Dinge macht man auch mal spontan – kennt ihr, oder? Doch spontan ’nen Halbmarathon zu laufen – dafür habe ich mal wieder viele Fragezeichen und gebirgstiefe Stirnfalten geerntet: „Waaas – aus Spaß Halbmarathon laufen?“ „Also, ich kann mir für Sonntag morgens was Besseres vorstellen.“

Klar – ewig im Bett liegen, Serien gucken oder Zeitung lesen, kuscheln, ausgiebig frühstücken oder verkatert in Selbstmitleid versinken, weil letzte Nacht einfach die geilste Party des Jahrhunderts war – klingt in der Tat auch ziemlich verlockend. Bis auf den Kater. Und ich gebe zu, Muskelkater ist auch kein Zuckerschlecken. Eigentlich ist diese Lauferei auch ganz schön masochistisch. Oh yeah, Schmerzen – wie geil – nicht! Allein, dass man nach einem Marathon – nur so als Beispiel – manchmal tagelang nur unter Ächzen und Stöhnen, schmerzverzehrt und jammernd Treppen hinabsteigen kann. Wer würde sich das freiwillig antun? Oder: vor den Läufen, mit drückender Blase – ob aus Nervosität oder eben dringendem Pinkelbedarf (oder…ähm…naja, Darmdruck) – in langen Schlangen vor den Dixiklos warten und dann endlich in diese beengende, blaue, müffelnde Box steigen, um sich zu erleichtern. Freiwillig?!

Auch weiß ich, dass ich in diesem Leben auch niemals als Erste über die Ziellinie laufen oder nachträglich zur Gewinnerin erkoren werde. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Zichtausende, die eigentlich schneller waren als ich, des Dopings überführt werden doch ziemlich gering ist und auch die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein Leben derart umkremple, um auf Eliteniveau zu trainieren. Dafür fehlen mir sicher auch gewisse genetische Vorteile, wie Körperbau und….Körperbau.

Manchmal frage ich mich auch, warum ich mich immer wieder auf die kleinen stressigen Momente während des Laufens einlasse – sowohl bei Events als auch bei Trainings in größeren Gruppen. Mit meinen 1,65m bin ich zwar nicht besonders klein, aber eben auch nicht besonders groß. Immer wieder erlebe ich deshalb Situationen, in denen die Ellenbogen meinem Vordermänner (ja, meistens sind es die großen Männer) meine Nase touchieren, was fürchterlich irritierend ist. Ebenso das unvorhersehbare Weg-Schneiden von Überholenden. Das bringt mich manchmal ganz schön aus dem Tritt.

Und dann kann es passieren – wie zuletzt in Stockholm – dass es fürchterlich kalt, nass und windig ist und ich nicht warm genug gekleidet bin oder dummerweise nichts gegen den Regen dabei habe. Auch Hitze kann natürlich tückisch sein! Da hilft vor allem Trinken – und an den Trinkstationen bahnen sich neue Hindernisse. Manche Läufer bleiben dort nämlich einfach stehen zum trinken und blockieren dabei den Weg. Auf den Metern nach den Trinkstationen stolpert man dann über die vielen halbleeren Plastikbecher und jedes Mal frage ich mich, ob es nicht eine ökologischere Lösung gibt?! Besonders bedenklich fand ich die Wasservergabe beim Venedig Marathon, als 0,3l Wasserflaschen teilweise ohne Deckel ausgegeben wurden – immer wieder aufs Neue alle paar Kilometer. Wer Marathons kennt, weiß, dass Läufer meist nur ein paar Schluck trinken und nicht auf einmal so viel – sie werfen deshalb halbvolle Becher – und wie in Venedig – Flaschen weg. Ich habe einmal zum Glück eine mit Schraubverschluss bekommen, die ich dann doch mit mir rumtrug, bis sie leer war und natürlich kann man als Teilnehmer auch sein eigenes Getränk die ganze Strecke hindurch mittragen. Aber bequem ist was Anderes.

Es gibt also viele Gründe, um Sonntag morgens etwas Gemütlicheres zu unternehmen – ob aus Umweltschutz-Gründen, Faulheit oder schlichtweg anderen Vorlieben. Und doch: mehrmals im Jahr begebe ich mich auf die Strecke. Spüre meine Muskeln am ganzen Körper, strahle vor Gelassenheit, weil ich es einfach ziemlich geil finde, die Reeperbahn mal aus der Läuferperspektive zu erleben, weil ich es feiere, mit tausenden anderer Läufer von überall her mitten auf den Fahrbahnen zu laufen, weil ich mich unheimlich freue, wenn Kiddies entlang der Strecke ihre Hände ausstrecken, damit wir – die Läufer – sie abklatschen, weil ich manchmal auch ein wenig mit anderen plaudere, sie dann aus den Augen verliere und manchmal aber auch wieder treffe während des Laufs, weil ich mich jedes Mal freue und erleichtert bin, wenn ich die Ziellinie wirklich erreicht habe – gar nicht, weil das Laufen vorbei ist, sondern, weil ich es tatsächlich wieder geschafft habe, weil ich die letzten Meter davor jedes Mal noch Kraft hatte, in den Turbogang zu schalten – zumindest mental – wahrscheinlich sieht es gar nicht mal so flott aus und für Usain Bolt wär das nicht mal Warm Up Geschwindigkeit…und weil ich es toll finde, wie viele Helfer aktiv sind – bei Wind und Wetter, Getränke verteilen, Medaillen ausgeben, Musik machen, Aussteiger aufgabeln, weil ich das Feilschen meines inneren Schweinehunds mit meinem Beastmode-Ich manchmal unheimlich komisch finde und mein Beastmode-Ich am Ende doch immer gewinnt, weil mir immer wieder Menschen sagen, wie toll sie es finden, dass ich das mache – dass ich andere inspirieren kann, ähnlich aktiv zu sein oder keine Angst vor körperlicher Anstrengung zu haben, die meist auch mentale Anstrengung bedeutet – all das sind Gründe, weshalb ich so gerne laufe.

Dass ich mir danach meist irgendeine Schweinerei gönne ist übrigens auch kein Geheimnis.

In diesem Sinne, morgen darf es vegane Franzbrötchen für mich regnen und für den nächsten Blogbeitrag überleg ich mir mal ein Thema ohne Sportbezug! Dass das geht zeigt vielleicht dieses Foto vom tollen Abendhimmel im Stockholmer Stadtteil Hornstull.

#nofilter Hornstull, Stockholm

#nofilter Hornstull, Stockholm

2 Gedanken zu “Viele Gründe, wieso laufen leider geil ist

  1. hehe, und nächste challenge: 108 sonnengrüße😉 ist es nicht schön, wenn man etwas hat, wozu man einen (selbst ausgeführten) arschtritt braucht und wonach man sich immer so richtig gut fühlt? du hast das so schön beschrieben. weiter so! schreiben und laufen😉
    liebe grüße,
    jule*

    • Das ist lieb – danke! Wobei die Challenge hier eher der Umgang mit den Reaktionen ist😉 Aber ja, ich bin froh, dass ich immer noch so viel Spaß am Laufen habe und gern an Events teilnehme! Liebe Grüße zurück und bitte auch unbedingt immer weiter schreiben!

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