Verbale Übergriffigkeit

Ein Wort, ein Satz zu viel – und die Stimmung kippt. Schon mal erlebt?
„Stopp, das ging zu weit!“, möchte man manchmal sagen, wenn andere mit einer scheinbar nichtigen Aussage eine Grenze überschritten haben.

Erst vor kurzem überschritt ich eine Grenze und merkte im Moment als es passierte, wie unfassbar uncool es war, den Taxifahrer mit einem lauten „MAAAN“ anzufahren, weil er Gas gegeben hatte, als meine Kollegin noch zu Dreivierteln auf der Straße stand. Beides war natürlich völlig unnötig – ich war über beides auch ziemlich erschrocken. Nun kann ich die Situation nicht rückgängig machen und mich auch nur entschuldigen, was der Taxifahrer und ich gleichermaßen prompt taten. Gleichzeitig versuchte sich der Fahrer zu erklären, er habe die Situation ja unter Kontrolle gehabt. Gleichzeitig redete ich mir ein, dass „MAAAN“ immer noch besser war, als eine Hasstirade über vollidiotische, asoziale Taxifahrer. Einatmen – ausatmen. Weiter machen.

Mein Repertoire an charmanten Redewendungen für eine solche Situation befand sich in diesem Moment aber offenbar mitsamt Kreativfeuerwerk, was manchmal gezündet wird, irgendwo anders – war einfach nicht abrufbar. (Dabei heißt es doch, Asiaten würden selbst in haarigen Momenten nie das Gesicht verlieren.) Und ich beließ es beim Austausch von Entschuldigen, beim Gesagten und Geschehenen. Wie gesagt: Einatmen – ausatmen. Weiter machen.

In anderen Situationen hingegen bewahre ich derart die Contenance, dass es mich manchmal selbst überrascht.
Zum Beispiel beim Thema Ernährung, das seit meiner Umstellung auf vegane Kost immer öfter diskutiert wird. Gar nicht, weil ich es selbst anspreche. Wohl eher, weil jeder etwas zum Thema „Essen“ sagen kann und in geselligen Runden der Nahrungsaufnahme besonders beliebt ist. Ob man nun begabter oder hoffnungsloser Hobbykoch ist, Restauranttipps teilt, von Diäterfahrungen erzählt, Allergien hat oder Food-Trends ausprobiert.

Allergien hab ich selbst glücklicherweise so gut wie keine (einzige Ausnahme: Kiwis. Will man mich also zum Schweigen bringen, so gebe man mir ein Löffelchen dieser vitaminreichen Frucht). Und doch reagiere ich allergisch, wenn ich (mal wieder) diesen einen, scheinbar nichtigen Satz „Vegan, das ist ja nur ein Trend“ höre. Auch ohne den Zusatz „Vegan“ finde ich vieles an dieser Aussage verkehrt und übergriffig – im Hals verspüre ich dann ein fieses Kratzen und meine Augen beginnen zu rollen, auch meine Atmung stockt für einen Moment. Denn ein Trend ist meiner Meinung nach an sich nichts Verkehrtes und auch nicht, das Ausprobieren von Trends.

Es mag viele, ja sehr viele Menschen geben, die ständig von Trend zu Trend leben, an nichts hängen bleiben. Man soll sie genau das tun lassen. Sie sind doch deswegen keine schlechten Menschen. Ob diese Sprunghaftigkeit auch im beruflichen, zwischenmenschlichen Zusammenhang besteht, lässt sich nur küchenpsychologisch – also rudimentär, kaum stichfest sagen. Man sollte es wohl am besten gar nicht erst versuchen. Will ich damit sagen, dass diejenigen, die genau dieses „Trend-Gerenne“ abtun, schlechte Menschen sind? Sicherlich nicht! Die Traditionalisten halten eben an Beständigkeit fest, sind weniger neugierig oder geben nicht gern zu, dass sie schon mal einen Trend ausprobieren. Auch das verurteile ich nicht.

Was mir aber doch Übelkeit bereitet, wovon mir wirklich schlecht wird sind scheinbar nichtige Aussagen von denjenigen Personen, die ihren Standpunkt – ihre Ernährungsform – für vollkommen und absolut halten.

Den wenigsten mag das bewusst sein.
Genau das versuche ich mir immer auch vor Augen zu führen – was möglicherweise auch der Grund für das Contenance-Bewahren ist. Absicht und vor allem beabsichtigte Boshaftigkeit stecken selten in Aussagen wie „Das ist nur ein Trend“ – oder plötzlichem Losfahren bei offener Wagentür. Das Ruhebewahren in der einen Situation ist gelernt, die noch dazu nicht den Anschein erweckt, Menschen in Lebensgefahr zu bringen, weshalb mir hier bisher noch kein lautes „MAAAN“ entfahren ist.

Und doch: manchmal würd ich gern auf den Tisch hauen – ich gestehe.
Nur dann würde ich ja wohl übergriffig werden. Nur warum? Weil noch einige weitere unterschwellige, negative Botschaften mitgesendet werden mit denen ich mich als Angesprochene nun so gar nicht identifizieren kann, wie etwa: „Das wirst du doch eh nicht lange durchstehen“ oder „Trendbewusste Menschen sind oberflächlich“.

Ob bzw. wie lange ich durchhalte, wird die Zeit sagen. Eine Garantie kann selbst ich nicht geben – doch so lange ich mich wohl fühle und das ist seit fast vier Monaten der Fall – sehe ich keinen Grund plötzlich zum Butterbrot zu greifen. Was die Oberflächlichkeit betrifft…hebe ich mir eine Ausführung für eine weitere Feldstudie auf.😉

Um mich innerlich (oder nachträglich) nicht aufregen zu müssen, und ein Gespräch nicht mit einem bloßen Satz für beendet zu erachten, wäre eine mögliche Reaktion auf jene Aussagen:

„Was genau meinst du damit?“
Selbstverständlich ganz charmant und cool!

In diesem Sinne: Fortsetzung folgt! Die gepflegte Konversation kann kommen!

2 Gedanken zu “Verbale Übergriffigkeit

  1. Hallo Catie,

    super Artikel! Unangemessene Reaktionen zum falschen Zeitpunkt sind ebenfalls meine Spezialität, sowas passiert mir gerne. Der persönliche Fremdschäm-Faktor steigt dann ins Unermessliche.😉 Allerdings sehe ich vieles nach einer gewissen Zeit auch mit Gelassenheit. Denn man ist ja so, wie man eben ist. Stichwort: Sei authentisch. Und viele Menschen in deinem Umfeld mögen dich genau so!
    Ob jemand nun vegan leben möchte oder sich jeden Tag McDoof reinziehen will, bleibt bitte jedem selbst überlassen. Ich habe immer Respekt für Menschen, die sich aus ihrer Komfortzone rausbewegen und ihr Leben radikal verändern. Das hat viel mit Disziplin und Mut zu tun. Also, weiter so!

    Liebe Grüße,
    Sara

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