Die ungeschminkte Wahrheit!

Statt mir beim inzwischen traditionellen November-Beauty-Nachmittag mit meinen Sportsfreundinnen die Nägel lackieren oder den Nacken massieren zu lassen, entschied ich mich gestern für ein Make-Up. Ich ließ mich das erste Mal von einem Profi schminken! Und wer mich kennt, weiß, dass ich Natürlichkeit sehr schätze.

Me, ungeschminkt.

Me, ungeschminkt.

Aber, eins nach dem anderen:
In der Calla Beauty Lounge im Hamburger Stadtviertel St.Georg trafen wir uns fernab vom Training, gönnten uns verschiedenste Beauty-Anwendungen und tratschten bei Prosecco (mit Hibiskus…yummy) und Häppchen. Es gab reichlich News auszutauschen und all die Leckereien wegzuputzen – auch so hätten wir den Nachmittag wahrscheinlich gut rum bekommen. Als mich die Kosmetikerin schließlich zum Make-up aufrief, bat ich die Runde noch mal um Aufmerksamkeit, denn so würde ich gleich wohl nicht mehr aussehen. Ich hatte mich völlig ungeschminkt aus dem Haus begeben – also weder die kleinen Rötungen abgedeckt oder die Wimpern getuscht. Mein „Sonntags-Look“ war mit mir schon am Samstag durch die halbe Stadt geradelt, durch ein bißchen Hamburger Schietwetter, vorbei an aufgehübschten Touristen und feschen Locals. Zu Hause hatte ich noch ein tapferes, ungeschminktes Selfie geschossen und mich dabei gefragt, warum wir  Menschen uns eigentlich schminken – manche mehr, als andere.

Ja so mancher Anlass lädt natürlich dazu ein, sich etwas fein zu machen, Falten zu überschminken und eine charmante Röte auf die Wangen zu pudern und mit Mascara einen verführerischen Augenaufschlag zu zaubern. Und im Alltag – wenn man „nur“ ins Büro geht, den Müll rausträgt, den Hund Gassi führt oder beim Bäcker um die Ecke Sonntagsbrötchen holt…selbst zu diesen Anlässen helfen viele Menschen – Frauen wie Männer – mit Farbe und Cremes nach, um wacher, charmanter und vorteilhafter auszuschauen. An sich ja nicht verkehrt und historisch gewachsen. Tarnungen sind eben völlig normal in der Menschen- und Tierwelt – wie würden wir wohl ohne Make-Up Macht ausüben und uns von anderen unterscheiden?

Ich wurde in einen hell erleuchteten Raum geführt…
…und durfte auf einem hohen Hocker Platz nehmen. Links neben mir waren unzählige Tuben, Döschen, Pinsel, Stifte und Farben aufgestellt, rechts neben mir an der Wand lehnte ein gigantischer Spiegel, zu dem ich zwischendurch immer wieder rüber lukte, um das Make-Over step by step mitzuverfolgen. Hätte ich von jedem Step ein Foto gemacht, hätte die Anwendung statt sportlicher 25 Minuten wohl eher 50 Minuten gedauert. Es gibt also „nur“ den Vorher-Nachher-Vergleich…

…und meine Erinnerung der Prozedur:
1.) Zuerst musterte die Kosmetikerin mein Gesicht, einmal mit offenen und einmal mit geschlossenen Augen. Sie fragte nach meinen Vorstellungen und ich sagte ihr, dass ich es gerne natürlich hätte. Also keine zu grellen Farben. Ich vertraute ihr einfach. Sie sagte auch, dass wenn es mir nicht gefallen würde, wir auch noch mal von vorn anfangen könnten.

2.) Dann cremte sie mein Gesicht mit einer neutralen Gesichtscreme ein und bemerkte dabei, dass ich trockene Haut hätte. Aha.

3.) Die erste Schicht und erste Farbe Make-up wurde aufgetragen. Dafür benetzte sie einen Spachtel mit etwas Farbe und nahm diese mit einem Pinsel auf, um sie in meinem Gesicht zu verteilen – etwas um die Augen, auf der Stirn. Die zweite Schicht Make-up eines etwas dunkleren Tons fand auf gleiche Weise seinen Weg vom Fläschen in mein Gesicht und wurde nach und nach mit dem helleren Make-Up eingeblendet und teilweise auch mit Fingerspitzen eingeklopft. Das sei präziser, sagte die Kosmetikerin.

4.) Es folgte Puder und hier habe ich leider nicht besonders gut aufgepasst. Ich weiß nämlich nicht mehr, ob es zwei, drei oder sogar vier verschiedene Farben waren, die auf meinen Wangen, Schläfen, meiner Stirn, etwas am Kinn und vielleicht auch auf der Nase verteilt wurden. Das hört sich alles wahnsinnig viel an – für mich zumindest – fühlte sich aber erstaunlich leicht an. Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, zugekleistert zu werden, was neben meinem Wunsch nach Natürlichkeit mein zweiter Wunsch war.

5.) Anschließend ging es an meine Augen. Etwas Kajal an den Lidrändern und hellen Lidschatten. Vom Lidrand zur Augenbraue wurde von dunkel nach hell eingeblendet zu einem dezenten Smokey-Eye. Danach wurden mir die Wimpern schwarz getuscht. Ordentlich, auch die Wimpern am unteren Lidrand.

6.) A propos Augenbrauen. Die wurden nicht ausgespart – im Gegenteil. Und die Kosmetikerin empfahl mir auch sonst meine Augenbrauen zu betonen. Soso. Scrollt man durch Beautyblogs und Instagram-Kanäle, schaut man auf die Looks der Runyway-Models um den Globus, dann weiß man: Augenbrauen sind nicht nur ein paar Haarkurven über den Augen – sie verstärken die Mimik. Und betonte Augenbrauen machen einen Look perfekt, geben dem Gesicht mehr Stärke und nehmen ihm vielleicht auch die Lieblichkeit. Und so strich die Kosmetikerin mit einem ganz feinen Pinsel braun-schwarze Farbe in die Brauen.

7.) Zu guter letzt sollten auch meine Lippen etwas Farbe abbekommen. Ein Lippenstift wäre wohl die einfachste Idee, um Lippen zu schminken. Aber dann holte die Kosmetikerin einen Konturenstift aus ihrer Zauberbox hervor. Einen Konturenstift! Damit soll Lippenstift länger halten und die Lippen definiert wie betont werden. Die Kosmetikerin hatte einen hellbraunen Ton gewählt und eine Linie entlang der Lippenränder gemalt, die Mundwinkel ausgespart und anschließend Lipgloss im gleichen Farbton aufgetragen.

8.) Mit einem strengen Blick prüfte sie dann ihr Gesamtkunstwerk und lies mich nun mein geschminktes Ich im Spiegel begutachten. Also drehte ich mich nach rechts und blickte in zwei sehr dicke dunkle Augenbrauen und einen Mund, der nach Permanent Make-up schrie.

9.) Ich fand zwar schnell Komplimente für den insgesamt natürlichen Look, aber auch klare Worte zum Konturenstift, der mir sodann per Wattestäbchen wieder entfernt wurde. Ganz so dunkel hatte ich meine Lippen nicht erwartet und fühlte mich mit dieser, wie ich fand, strengen Wirkung etwas unwohl.

10.) Ohne Konturenstift gefiel ich mir besser!

Der Profi-Look.

Der Profi-Look.

Als ich nach etwa 25 Minuten zur Gruppe zurück ging und sie mein Make-Over sah waren die Reaktionen durchweg positiv. Nun möchte ich natürlich keiner meiner Freundinnen Unehrlichkeit unterstellen – aber i.d.R. machen einem die Menschen eher ein Kompliment, wenn es um eine optische Veränderung geht. Wer will nicht gerne hören, dass die neue Frisur gut aussieht, auch wenn man sich selbst noch dran gewöhnen muss. So ähnlich ging es mir gestern mit Profi Make-Up auch.

Mein ungeschminktes Fazit:
Es war wie immer ein toller Tag mit meinen Freunden, die ich meistens nur in Sportfunktionskleidung treffe. Und ich bin ebenso froh, dass ich mich für das Make-Up entschieden habe, um – ganz Feldstudien mäßig – etwas Neues auszuprobieren. Die Situation war ungewohnt: nicht nur, weil mir jemand unheimlich nah kam und mein Gesicht zur Leinwand eines Künstlers wurde mit der Aufgabe, die natürliche Schönheit zu betonen, den Typen aber nicht zu verändern. Alles in allem, ein spannendes Experiment von Fremd- und Selbstwahrnehmung, dessen Ergebnis ich noch zu einem Essen ausführte, bei dem dann auch die männlichen Sportsfreunde dabei waren.

Goodnight Make-Up.

Goodnight, Make-Up.

Als ich zu Hause ankam, sah ich nochmal ganz genau hin und kam mir selbst im Spiegel so nah wie selten. Meine Wangen glitzerten und am Haaransatz waren Puderpartikel zu sehen, wie auch an den Nasenflügeln. Wo waren meine Sommersprossen? Dann griff ich zum Make-Up Entferner. Das Abschminken dauerte länger als gewöhnlich, wenn ich mein fünf-Minuten-Augenringe-weg-wache-Augen-und leichte-sunkissed-Wangen-Gesicht abends in Wattepads reibe. Meine Haut war wieder befreit von parfümierter Foundation und von Puder. Meine Brauen waren wieder sie selbst – schmal und unperfekt. Die Narbe unter der Unterlippe wieder sichtbar.

Amateurhaftes Make-Up...

Amateurhaftes Make-Up…

Vielleicht bin ich stur, aber so wie ich mich bisher „angemalt“ habe, gefalle ich mir doch besser. Doch, den ein oder anderen Profi-Trick werde ich sicher beherzigen – also, gebt mir nen Anlass!

Ein Gedanke zu “Die ungeschminkte Wahrheit!

  1. oh, interessant!
    Ich laufe Zeit meines Lebens ungeschminkt rum und bin schon gar noch nie geschminkt worden. Manchmal würde ich auch gern nur mal sehen, wie das bei einem Profi so aussehen würde.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s