Frauen ab 30…

…ich bin jetzt eine. Eine Frau ab 30. Seit einigen Monaten bin ich neues Clubmitglied. Aber was das bedeutet, dass es mir etwas bedeutet, wurde mir erst bewusst als mir bei einem Routine-Termin beim Frauenarzt die freundliche Arzthelferin eine „Untersuchung für Frauen ab 30“ empfahl. Ich gestehe, ich war etwas perplex. Das klang wie: So, jetzt mal zack zack, ist nicht mehr lang Zeit, bald ist der Zug abgefahren, husch, husch, Sie machen das jetzt auch mal, daran führt kein Weg vorbei, endlich sind Sie auch an der Reihe. Schweigen. Räuspern. Pokerface. Ich werde darüber nachdenken.

Aber was heißt es, eine Frau ab 30 zu sein? Wird man davor schon als „Frau“ wahrgenommen oder geht man noch als Glitzer-Hipster-Fun-Happy-Party-Girl durch, das zufälligerweise schon arbeitet und relativ selbstständig ist? Ist frau aber 30 wird allerlei definiert. Es gibt Gesichtscreme für Frauen ab 30, Untersuchungen für Frauen ab 30, Frauen ab 30-Ratgeber – einfach mal „Frauen ab 30“ googlen, da wird Kopfschütteln zum horizontalen Headbanging. Nicht zu vergessen auch die sagenumwobenenen und geschmacklos grell beworbenen Ü30 Partys, wo man Männer ab 30 treffen kann…aber tatsächlich Männer über 50 trifft, die einfach mal wieder ne Jüngere knallen kennenlernen wollen, habe ich mir sagen lassen.

Als Frau ab 30 steht man in der Pflicht – gegenüber der Gesellschaft: Überall kann man lesen und sich informieren, dass man ja drei Jahrzehnte lang Zeit hatte, sich zu finden, unabhängig zu werden und Spaß zu haben. Man sei JETZT in einem Alter, in dem man WICHTIGE ENTSCHEIDUNGEN fällt. Häusle bauen, Babys machen, Karriereleiter klettern. Das sei wirtschaftlich und normativ. Man könne auch weiterhin ganz bezaubernd aussehen, sich adrett kleiden. Aber Vernunft hat vor Spaß eben Priorität. Frauen ab 30 trinken auch angemessener, sprich sie hängen nur noch einmal in der Woche total durch – von Sonntag bis Sonntag, eine der bisher qualvollsten Feldstudien.

Als Frau ab 30 steht man in der Pflicht – gegenüber der eigenen Familie: Seit einigen Jahren gibt es zwei Themen, bei denen wir uns partout uneinig sind. Denn meine Familie findet es immernoch schwer nachvollziehbar, dass ich kein Fleisch esse und verdeutlicht mehr und mehr, dass ich mich, also unsere Gene…nunja…vermehren sollte. Das sagen sie so plump nicht, aber die Häufigkeit mit der sich meine Großeltern nach meinem Liebesleben erkundigen – also genauer gesagt, ob ich einen Freund habe, weil sie sich nun mal Urenkel wünschen (ja, das sagen sie) – spricht Bände. Auch meine Mutter interessiert sich zunehmend für meine Herzensangelegenheiten, denn beruflich scheint es ja zu klappen (dass ich vor kurzem meinen Job verloren habe und bald wieder von vorne anfange, habe ich ihr noch nicht erzählt). Und wenn man sich bei den Familientreffen genug über das Wetter, Gesundheit, Reisen, Tatort, Kochrezepte, das Wetter, Theaterstücke, Nachbar X und Nachbar Y, das Wetter, das Wetter und vor allem das Wetter ausgetauscht hat, dann drehen sich nach und nach, ganz langsam und ganz gezielt alle Köpfe in meine Richtung…wie so Puppen in Horrorfilmen, die l a n g s a m  mit starrem Blick zum Stehen k o m m e n und dich a n g l o t z e n. Nur! Noch! Dich!!!

Genau für diese Situation bin ich nun gewappnet auch im Hinblick auf das nahende Weihnachtsfest, das wie alle Jahre wieder zur Herausforderung wird, weil ich ja als Vegetarierin „nichts Richtiges zu essen bekomme“, denken meine Verwandten. Jaja stimmt, ich bin ja auch nur – Achtung Ironie – Haut und Knochen (und Muckis), denke ich. Wie soll das also bloß dieses Jahr werden, wenn ich meiner Familie offenbare, dass ich a) immer noch Single, b) immer noch unschwanger und c) neuerdings auch noch vegan bin?

Hallo, wie bitte? Heißt es nicht, dass Frauen ab 30 nun endlich mal „have their shit together“ sollten? Was fällt mir nur ein, plötzlich auch noch vegan zu sein? Das macht man doch als Teenager weil man irgendwelche gruseligen Schlachterfilme gesehen hat und gegen alles ist was einem die Eltern sagen und vorleben. Und warum sapperlot bin ich immer noch Single, wenn es doch Tinder, Finya, OkCupid, Shop a Man, Elitepartner, Friendscout und wie sie alle heißen gibt? DAS GEHT NUN WIRKLICH ZU WEIT, höre ich sie schon alle schimpfen und kichere laut in mich hinein. Nein, ein bauchmuskelstarkes muahahaha hallt schallend von Ottensen, durch Hamburg, hinaus durch die ganze Republik und über alle Grenzen bis zu den kleinen Männchen im All.

Mein veganer Schlachtplan: Neben Maronenbraten mit Preiselbeersoße kredenze ich meinen Großeltern, Eltern, Tanten und wer nun alles dieses Jahr an der weihnachtlich gedeckten Tafel sitzt eine Liste meiner Herzbuben, die ich beim tindern und digitalen dating so erspäht habe. Eine Vorselektion also, ganz Aschenputtel-esque: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Da lässt sich doch sicher ein Prince Charming aka Mr. Right aka der Vater meiner Kinder aka Muttis Schwiegersohn finden. Meine Verwandten sollen somit sehen, dass ich ihre Sorgen und Wünsche berücksichtige, also nicht nur tatenlos zu Hause rumsitze und Serien schaue oder nur darauf warte, dass ein Prinz an meine Türe klopft, ein zauberhaftes Schühchen hinhält, ich mit meinem zarten Fuß (Größe 37/38) hineinschlüpfe und wir dann bis in alle Ewigkeit glücklich davon reiten, auf einem Einhorn versteht sich. Mit dieser Geste – des a) selber kochens und b) aktiv werdens, um den dauerhaften Singlestatus endlich in „it’s complicated“ ändern zu können, kann ich meine Familie sicher zum Schweigen bringen und dieses Thema endlich ad acta legen.

Ich vermute ja, dass Oma & Co. ganz schnell verstummen werden und ihr sonst so verschmitztes Grinsen (von irgendwem muss ich das ja haben) klirrend erstarren wird. Ein himmelhochjauchzendes, doch wortloses Erstaunen wird ob des aromatischen, vollmundigen und festlichen Geschmacks meiner kulinarischen Überraschung in der Luft hängen. Um die Stille zu überbrücken werden sie alle laut schmatzen, verlegen mit dem Silberbesteck klappern und natürlich noch Nachschlag nehmen, nur um überhaupt etwas zu sagen. Denn an „Online Dating“…hatten sie…nun nicht gedacht, als sie sich meine Märchenhochzeit vorstellten. Das ist ja… wie…wie…nein…also wirklich, Kind….das hast Du doch nicht nötig, werden sie zaghaft vor sich hin murmeln.

Dieses Jahr läuft bei uns an Weihnachten „The Clash of Generations Part I“. Ja, dieses Internet ist für meine Familie irgendwie Neuland. Liebe dort zu finden, das können sie sich nicht vorstellen. Aber dass ich es ihretwillen dort versuche, das können oder wollen sie noch nicht verstehenSo haben wir das doch nicht gemeint, werden sie sagen. Ja, was denn nun, werde ich fragen. Ich bin nun mal ein Digital Native, das Bratenrezept habe ich auch aus dem Netz, höre ich mich dann sagen. An der Käsetheke werde ich bestimmt keinen kennen lernen – wo ich doch jetzt keinen Käse mehr esse, füge ich hinzu. Beim Sport und im Job gibt’s zwar reichlich Eyecandy, aber gucken reicht mir („don’t fuck the company“, sage ich jetzt lieber nicht). Und überhaupt, auch wenn eure Ur-/Großeltern-Uhr tickt, meine Biologische tut’s noch nicht. Das wollt ihr vielleicht nicht hören, aber ich hab’s ehrlich gesagt nicht eilig mit Heirat und Kindern, auch wenn andere das machen und ich sehe, dass es ihnen damit sehr gut geht. Was ich meiner lieben Familie erstmal als Argument erspare, die theoretische Möglichkeit, meine Eizellen einfrieren zu lassen. Natürlich nicht sponsored by Arbeitgeber, sondern ganz unabhängig von irgendwelchen visionären Firmenbindungsmaßnahmen. Das ist dann vielleicht eher  etwas für Ostern. Vielleicht sind Oma & Co. dann für dieses Thema aufgeschlossener, wenn es eh um Auferstehung und so geht. So viel Sturm und Drang muss ich ihnen ja nicht auf einmal entgegnen. Aber es kann keiner behaupten, ich sei eine Frau ab 30 ohne Meinung, ohne Rücksicht, ohne Rückrat!

Für den Nachtisch muss ich mir noch etwas überlegen. Ein guter Schnaps zum Verdauen und vielleicht die sensationell leckeren veganen Brownies. Schokolade geht ja eigentlich immer und versöhnt. Dazu noch ein paar Geschichten aus Kolumbien, dann sind wieder alle froh, dass ich da bin, weil ich die Reise durch dieses ach so gefährliche Land überlebt habe.

Vielleicht wird meine Familie noch zwischendurch etwas von Teilnahme an der Gesellschaft erwähnen, dass ich mich (noch) mehr unters Volk mischen und meine Zeit nicht so viel vor dem Bildschirm verschwenden sollte…und abschließend bestimmt auch etwas zum Wetter. Möglicherweise haben sie in einem Punkt ja recht. Aber dass ich gar nicht (r)ausgehe, null Kultur interessiert bin und keine Ahnung habe, was da draußen so passiert – hallo Klimawandel – das können sie mir nicht vorhalten. Ich treffe Menschen, führe Gespräche, tausche Meinungen aus, mache mir Gedanken über das Leben, über diese Welt, über all diese seltsamen Menschen um mich herum.

Manchmal werfe ich eine Meinung auch über Board und überdenke sie. Ist das vielleicht der Grund? Denke ich zu viel nach?

Hier so ein Gedanke, dann haben wir diese Feldstudie auch fast geschafft: Frauen, die erst seit einigen Jahren zur Gruppe der Frauen ab 30 gehören haben es ja noch schwerer, denn sie gehören noch dazu der omnikritisierten Generation Y an. Das ist doppelt mies. Wirklich! Eigentlich haben wir „Frauen ab 30 der Generation Y“ die totale Arschkarte gezogen. Ich sage das nicht, um rumzujammern, Frauenquote und so’n Shit my ass. Es liegt auf der Hand. Unsere narzisstische Unentschlossenheit und unser Hunger nach Unabhängigkeit werden uns noch zum Verhängnis! Doch ganz ehrlich: Warum sollte ich jetzt, wo ich 30 bin wissen wer ich bin, was ich schon so viel und doch manchmal noch ganz wenig kann und wohin ich will, wenn es doch so viele schöne Möglichkeiten gibt und ich mich ständig von hüpfenden Einhörnern, digitaler Bewunderung und so tollen Dingen wie Mädelsabend ablenken lassen kann? Und vor allem: Warum bin ich und wenn ja wie oft? (angelehnt an Precht’s „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“)

Fest steht, dass nichts fest steht. Nur ich mit beiden Beinen auf dem Erdboden. BÄM!

Selbstbewusst, gesund, natürlich, ohne Botox. Die Gesellschaft und auch die liebe Familie wissen nicht alles über mich. Es reicht aber, dass ich weiß, dass ich in keine Schublade passe. Das mag floskelhaft klingen, aber versucht es ruhig einmal. Es fängt ja schon allein mit meiner ethnischen Herkunft an. Diese ganze Fragerei um Familienplanung prallt an mir ab – mein Schutzschild aus latent müdem Lächeln funktioniert inzwischen sehr gut. Das ganze mainstreamige Hipstergetue um den fettesten Style geht mir auf die Eierstöcke. Ja, vielleicht bin ich deswegen Single und unschwanger, weil ich zu vielen Dingen ganz klar Nein sage, mich nicht definieren, mich nicht einfrieren lasse und man(n) damit offenbar nicht klar kommt.

Als ich klein war, war die Sesamstraße ganz groß. Wisst ihr noch: „Der, die, das? Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm…“. Deswegen erlaube ich mir nun abschließend getreu dieser prägenden Erinnerung, getreu des Generation Y Stempels und getreu meiner Clubmitgliedschaft als bewusst lebende Frau ab 30 zwei Fragen und freue mich auf einen sachlichen, gern auch humorvollen Meinungsaustausch:
1.) Liebe Gesellschaft, liebe Familie: Hättet ihr lieber eine dumme Ja-Sagerin?
2.) Geht es Männern ab 30 eigentlich auch so?

 

 

5 Gedanken zu “Frauen ab 30…

  1. habe mich köstlich amüsiert! herzliche grüße von einer leidensgenössischen ungebunden-unschwangeren-frisch-dreißigerin, die ebenfalls gerade ihren job verloren und einen neuanfang angehen will😉

    • Dass ich für Unterhaltung sorgen konnte, freut mich! Dass Du einen Neuanfang wagst, klingt spannend und egal wie die Umstände aussehen, dat wird!!! Ich drücke fest die Daumen – immer schön verschmitzt bleiben🙂

  2. ey, fette anfang 30´er daumen hoch, alle drei, hier von meiner couch, auf der ich gerade alleine den dritten liter tee gekippt habe. den nächsten erhebe ich auf dich! fantastischer beitrag! den begriff „eyecandy“ werde ich sofort in meinen wortschatz aufnehmen. ich bin übrigens auch immer noch nicht schwanger und habe keine immobilie gekauft. allerdings bekanntermaßen auch veganerin. immerhin bin ich verbeamtet- totschlagargument. was wollen die denn noch?
    gerüchteweise wird es ab 40 entspannter, weil wenn man da alles noch nicht erreicht hat, ist eh alles zu spät und dann ist es so wie es ist (ich habe da sichere quellen). ansonsten empfehle ich das rheinische grundgesetz zur gegenargumentation heranzuziehen. das dürfte dir geläufig sein.
    im übrigen ist genau das der grund, weshalb ich weihnachten seit jahren schwänze und es ging mir nie besser damit. ich suche auch immer mitschwänzerInnen😉
    liebe grüße,
    jule*

    • Merci, merci für deinen ausführlichen Kommentar und so viel Zuspruch! Und wie Weihnachten dieses Jahr stattfindet ist noch völlig offen…vielleicht wird’s auch eine last minute Entscheidung😉

  3. Ich, als Mann mit 31,2 (so hab ichs zumindest letzte Woche auf einem Formular gelesen), kann nur sagen: Das einzige was zählt ist, wie man sich selbst fühlt. Ich liebe es zu experimentieren, neue Dinge auszuprobieren, vegetarisch zu werden, 1 Jahr auf Cola zu verzichten, Leute in der U-Bahn zu beobachten und zu überlegen, welche Leben sie führen könnten. Auf Verständnis (von Familie oder Freunden) bin ich nicht wirklich angewiesen.

    Been there, done that! Ich hab zu Weihnachten auch schon mal meine Eltern über meine Kündigung in Unwissenheit gelassen und mein Vater hat es Monate davor auch nicht gut geheißen, als ich mich damals von meiner Freundin getrennt habe. Die gewünschten Enkelkinder rückten in schier unerreichbare Ferne.

    Warum es glaub ich im Älter werden geht, ist folgendes: Seinen Typ zu finden und ihn zu leben. Glücklich damit zu sein. Und zu erkennen: Bei diesem Thema lohnt es sich zu kämpfen und bei manchen Themen lohnt es sich erst gar nicht sie zu erwähnen. Um es anderen leichter zu machen.

    Ich lese deinen Blog schon sehr lange und merke, dass du in deiner Rolle zufrieden scheinst. Das ist das einzige, was zählt. Und es ist oft das Fundament, um Platz für neue Veränderungen zu schaffen.

    Denn: Der bewusste Wechsel meines Jobs vor 4 Jahren hat alles leichter gemacht. Ich hatte eine neue Aufgabe, in der ich mich super wohl fand/finde. Daraus resultierte eine neues Selbstbewusstsein und Freiheitsgefühl, das in allen weiteren Lebenslagen half. Ich fand eine neue Wohnung. Ich fand eine neue Freundin. Ich fand seitdem sehr viel positives.

    Hätte ich, vor allem mit Familie, vor dem Jobwechsel oder vor der Trennung mit meiner damaligen Freundin darüber gesprochen, hätten sie mir wohl einen anderen Rat erteilt. Freunde hätten es schon besser abschätzen können. Mir bessere Tipps geben können. Aber: Manches kann man einfach nur selbst herausfinden, in dem man probiert, in dem man Feldstudien wagt.

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