Hilfe, bin ich jetzt spießig?

Halloween Abend ca. 21 Uhr – ich im Supermarkt, um mich für eine Couching-Session einzudecken, nachdem ich mich sportlich ziemlich ausgepowert hatte. Was für ein dummer Fehler. Nein, nicht das Auspowern – das schlechte Timing meines Einkaufs. Schon auf dem Parkplatz tummelten sich ausgehfreudige Jugendliche in mehr oder minder gruseligen bis nuttigen Kostümen und merklich schon lange nicht mehr nüchtern. Mein Einkauf würde wahrscheinlich nicht länger als fünf Minuten dauern, dachte ich und sorgte mich gleichzeitig voreilig um den Verbleib meines Fahrrads. Diese Jugendlichen von heute – immer für ein bisschen Krawall und Remidemi zu haben.

Die Türen zum Supermarkt öffneten sich an diesem Abend viel zu langsam. Ich wollte doch nur schnellen Schrittes ein paar Zutaten für einen faulen Abend besorgen. Am sichersten fühlte ich mich bei all den Halloween-Teens in der Gemüseabteilung. Die war für sie nicht interessant. Denn ihr Weg führte direkt zum Alkohol und den Knabbereien. Da ich Letztere ebenso aufsuchen wollte und meinen Waren ja auch noch bezahlen musste würden sich unsere Wege wieder kreuzen. Und als ich dachte schon genug Gorillas und Blut verschmierte Zombieärzte gesehen zu haben, rauschte ein neuer Schwall an Monsterteens durch die Gänge des Supermarkts. Es hätte nur noch der Strom ausfallen müssen, ich wäre unfreiwillig auf einer Halloweenparty gelandet.

Doch es blieb beim grellen Somit-sehen-Lebensmittel-noch-frischer-und-noch-leckerer-aus-Licht und ich reihte mich brav an der Kasse ein zwischen jungem Gemüse kurz nach dem Stimmbruch und einigen hochgewachsenen Zombies. Blick aufs Kassenband: vor mir ein niedlicher Sechserträger Bier, hinter mir zwei Flaschen Wodka und mehrere Dosen Energydrink. Bei mir: Rucolasalat, gefüllte Weinblätter, Oliven und Cracker.

Ich sah die freundlich, resolute Kassierin an. Sie scannte einen Artikel nach dem anderen, fragte jeden Kunden nach einer Paybackkarte und wünschte jedem – ob in Feier- oder Faulenzstimmung – „einen schönen Abend noch“. Sie würde ihren Feierabend erst in gut 2 Stunden antreten.

Bei all dem Wahnsinn der mich umgab in diesem Haunted House, dem ich schnell entfliehen wollte, hatte ich in diesen fünf Minuten doch einen Lieblingsmoment. Und es war nicht der, als sich die Türen zum Verlassen des Supermarkts öffneten – natürlich auch viel zu langsam – oder der, als ich mein Fahrrad unversehrt auffand und hinaus in die Nacht radelte. Es war der Moment, als die Kassiererin nonchalant den Ausweis des Jünglings vor mir prüfte und er voller Stolz und doch noch voll kindlicher Stimme sagte, heute sei sein Geburtstag. Offenbau kaufte er sein erstes Sixpack. Die Kassierin zuckte wahrscheinlich innerlich mit den Schultern und ihr Blick sprach von mütterlicher, vielleicht sogar großmütterlicher Großmütigkeit. Sollen die Kids halt ihren Spaß haben, auch wenn es sicher ohne Alkohol geht – aber das werden sie irgendwann hoffentlich selbst lernen. Früher…ach früher waren wir doch auch so.

Bin ich nun spießig, fragte ich mich leise, als ich meine überwiegend nahrhaften Waren bezahlte und in meinem Turnbeutel verstaute? An diesem Abend fühlte ich mich wie im falschen Film und dem ganzen dämmlichen Trunkenheitshorror konnte ich partout nichts abgewinnen. Dabei bin ich kein Kind von Traurigkeit, das Verkleidung per se doof findet. Tatsächlich fließt ja sogar etwas Narrenheit durch meine Adern und bei Mottopartys tanze ich an vorderster Front.

Nur genau an diesem Abend war mir einfach nicht danach. Und auch nicht am nächsten Vormittag als ich Rasierschaumreste an Ampeln sah und nur beinahe nicht hineinfasste. Was für ein hohler Brauch! Ich konnte all dem verrückten Treiben einfach nichts abgewinnen.

Aber…was heißt das eigentlich, dieses „spießig sein“? Woher stammt der Begriff und wo sind die Grenzen zwischen Spießigkeit und Intoleranz? Ich habe hierzu einmal Google gefragt und prompt „ungefähr 434.000 Ergebnisse in 0,40 Sekunden“ erhalten.

Ursprünglich – im Mittelalter – war ein „Spießbürger“ jemand, der seine Stadt mit einem Spieß verteidigte, denn Spieße waren einfach und günstig herzustellen. Dann kamen andere Verteidigungsmethoden, an die sich einige nicht anpassen wollten und prompt galten die einst angesehenen Spießbürger als engstirnig und rückständig.

Nun würde ich mich grundsätzlich nicht als rückständig bezeichnen. Eigentlich probiere ich ja ständig neue Dinge aus und finde Veränderungen in der Regel gut. Auch habe ich kein Problem mit dem Älterwerden. Dass ich nicht (mehr) jeden Spaß mitmachen muss entscheide ich ja jedes Mal ohne andere in ihrem Tun einzuschränken oder sie als minderwertig zu bezeichnen oder ihre Handlungen zu denunzieren. Im traditionellen Sinne bin ich also eher  kein Spießer.

Ein Neo-Spießer bin ich aber auch nicht. Also einer, der bewusst versucht unspießig zu sein, trotzdem aber seine Scheuklappen anbehält und alles schlecht redet, was irgendwie anders ist. Doch, was ist mit dem gutbürgerlichen Vorsorge-Spießer? Der, der eben einen Bausparvertrag abschließt und heute schon an morgen denkt? Bin ich so einer? Oder einer, der über Smartphone nutzende Radfahrer nur den Kopf schüttelt, besonders wenn sie noch ein Kind im Kindersitz transportieren.

„Spießig“ ist synonym für alles was irgendwie „un“ ist, dagegen, ja vielleicht auch anti ohne links zu sein, ohne politisch. In gewisser Weise natürlich auch „rückständig“, aber für die meisten Anwender ist der Ursprung des Wortes ja völlig fremd, dass sie nur intuitiv oder zufällig richtig liegen. Man schwingt sich zum Richter und urteilt über die anderen – meist selbstgefällig und mutiert dadurch, ohne es zu wollen, zum intoleranten Spießer.

So lange mich die anderen nicht einschränken, sollen sie in Kostümen ihre Kurzen trinken und Halloween feiern bis Karneval vor der Türe steht. Wenn das Handeln anderer aber in irgendeiner Form dazu führt, dass ich beeinträchtigt werden, dann kommt es wohl zu einem Spießer-Duell. Bis dahin übe ich mich in Gelassenheit und nehme mir die Supermarkt-Kassiererin zum Vorbild: live and let live!

 

Ein Gedanke zu “Hilfe, bin ich jetzt spießig?

  1. awwwww!!! karneval! ansonsten ist ja auf dem kiez eh fast jeden tag halloween. nein, wir sind nicht spießig. das geht mit anderen sachen einher. ansonsten ist spießig halt das neue cool😀
    liebe grüße,
    jule*

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