Gewissensfrage: Wie viel Fleisch ist Vegetariern zumutbar?

Die Frage stellt eine 30-jährige Vegetarierin, die seit ihrem 17. Lebensjahr auf Fleisch und seit einiger Zeit ebenso auf Fisch verzichtet. Die junge Frau kocht gerne, probiert immer wieder neue Rezepte aus und bezeichnet sich als tolerante Vegetarierin, die es nicht stört, wenn neben ihr Fleisch verzehrt wird. Jemanden zum Vegetarier konvertieren, das würde sie nicht tun.

Vor kurzem dachte sie darüber nach, Freunde zum Essen einzuladen. Sie wollte sie bekochen – natürlich vegetarisch. Für sie eigentlich selbstverständlich. Doch dann dachte sie darüber nach, welche Gäste kommen würden, wie diese sich ernährten und welche Unverträglichkeiten sie wohlmöglich hatten. Denn unter ihren Freunden befinden sich einige Vegetarier, ebenso aber auch Veganer, Low-Carb Prediger und – ich nenne sie hier ein mal – Traditionalisten. Also diejenigen, die vor allem Fleisch essen – Carnevarier. Manche ihrer Freunde ernähren sich außerdem seit einiger Zeit nach Paleo – einem noch jungen Food-Trend, der auch „Steinzeit“-Ernährung genannt wird. Diese Ernährungsform besteht vor allem aus Fleisch, Meeresfrüchten, Schalentieren, Eiern, Obst, Gemüse sowie Kräutern, Pilzen, Nüssen und Honig und meidet dafür Milchprodukte, Getreide (und –Produkte), Industriezucker bzw. generell industriell verarbeitete Lebensmittel.

Die Palette der Ernährungsbesonderheiten dieses Freundeskreises ist demnach sehr groß.

Die junge Frau stellt sich nun vor allem die Frage: Soll ich Fleisch für meine Paleo- und Carnevarier- Freunde kochen? Und wenn ja, welches? Und sind einige von ihnen Moslem, dass ich Schweinefleisch meide?

Denn, sie ist sich sicher, dass ihre Nicht-Vegetarier Freunde, für sie als Vegetarierin, eine fleischlose Alternative anbieten hätten. Nudelgerichte sind in diesem Fall eine in der Regel unkomplizierte und leckere Möglichkeit (entspricht allerdings weder dem Paleo- noch dem Low Carb- Prinzip).

Mittlerweile – so scheint es – ist Vegetarismus eine fast überall akzeptierte Ernährungsform, für die es viele Alternativen gibt. Auf die Gruppe der Tierverzichter, Allergiker und „Intoleranten“ (diejenigen mit Unverträglichkeiten) wird Rücksicht genommen – Traditionalisten haben gelernt, ihren Toleranz-Rahmen gegenüber der Verzichts-Gruppe auszuweiten.

Doch wie weit geht eine Freundschaft, wenn ein Verzichter für einen Traditionalisten kocht?

Wenn der Traditionalist für den Verzichter das Fleisch weglässt und wohlmöglich ein Tofusteak briete, würde im Gegenzug der Verzichter statt des Tofus ein Rindersteak braten?

Die eingangs gestellte Gewissensfrage steht vor allem im Konsens der Freundschaft – denn wie weit geht man in einer Freundschaft?

In Liebes-Dingen heiß es bekanntlich „Liebe geht durch den Magen“, sprich – wer sich beim Essen einigt, hat gute Chancen auf amouröses Miteinander.

Doch, wie sieht es nun unter Freunden aus?

Nehmen wir ein mal an, dass der Verzichter in ein Geschäft geht, Fleisch kauft und dieses zu Hause zubereiten und wohlmöglich riskiert, dass – beispielsweise das Steak nicht gelingt, so würde doch allein der Aufwand im Vordergrund stehen, den der Verzichter unternommen hat, um einem Freund eine Freude zu bereiten, auch wenn der Traditionalist diesen Aufwand möglicherweise niemals erwarten würde.

Natürlich – so meine Meinung – sollte man immer nur Dinge tun, die man tun will. Wenn es darum geht, dass man jemandem (einem wirklich guten Freund) eine Freude bereiten will, so soll man selbst entscheiden, zu welchem Ausmaß und welche Opfer man selbst bereit ist zu bringen.

Ein Traditionalist wird sicher das Tofusteak (oder welches vegetarische Gericht auch immer) nicht verschmähen, es wohlmöglich und im besten Fall sogar für lecker befinden, eventuell auch nach dem Rezept fragen. Andersrum würde wohl selbst der toleranteste Vegetarier im seltensten Fall ein Fleischgericht probieren und es nachkochen wollen. Ein Vegetarier (Veganer) empfindet Fleisch – in welcher Menge und Form – egal ob von einem Freund zubereiten, mit besten moralischen Gewissen und vor allem mit Leidenschaft – als nicht zumutbar.

Schlussendlich: Die junge Frau ist intoleranter als sie gedacht hat. Denn sie ist offenbar nicht bereit ist, ihren kompromisslos vegetarischen Ernährungsstandpunkt für einen Freund zu ändern. Sie hat beschlossen, diese Intoleranz und ihr moralisch fragwürdiges Verhalten gegenüber Traditionalisten zunächst in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig wird sie weiter über die Gewissensfrage nachdenken.

Ein Gedanke zu “Gewissensfrage: Wie viel Fleisch ist Vegetariern zumutbar?

  1. leidfreiheit gewinnt immer, würde ich glatt behaupten. du würdest ja auch aus freundschaft keinen mord an einem menschen begehen, oder? vegane küche finde ich übrgigens sehr völkerverständigend, es ist für alle was dabei. muslims, hindus, juden, christen und fleischfressern wird es auch schmecken. auch die low carber und paleoaner werden satt. lasst es euch schmecken!
    liebe grüße,
    jule*

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