Vorhang auf und Standing Ovations

Greller Slapstick, Witze below der Gürtellinie und eine Prise Denglish standen u.a. auf dem Programm, das sich Regisseur Herbert Fritsch als Teil der furios-kuriosen Inszenierung von Moliers „Die Schule der Frauen“ für die Bühne des Schauspielhauses Hamburg überlegt hatte. Und trotzdem musste ich nicht aus dem Saal stürmen und mich auf offener Straße übergeben. Nein, am Ende riss es mich vor Begeisterung vom Stuhl und ich klatschte bis meine Hände so rot wie Agnes‘ Lippen waren und so schmerzten wie Arnolphes Herz. Schon viel zu lange bin ich nicht mehr im Theater gewesen. Heute Abend habe ich beobachtet, wie sich Leute mit Kulturlust (doch meist älteren Jahrgangs) im meist adretten und gleichzeitig bodenständigen Montag-Abend-Zwirn im Foyer des Schauspielhauses sammelten, schon mal ein Gläschen Vino zum Entrée tranken, nochmal über die Inhaltsangabe des Stückes flogen und sich nach und nach Richtung Ränge aufmachten. Wie sie dort Platz nahmen, auf roten Sitzen unter einem mächtigen und gedimmten Kronleuchter, wie alle brav ihre Telefone ausschalteten, ohne Werbung und ohne pssst. Wie es dunkel wart und plötzlich still, ein Scheinwerfer die Bühne beleuchtete und das Stück begann. Gebannt blickten sie auf das Geschehen, lauschten den wortgewandt-rasanten Dialogen und verfolgten die Verwandlung der kreisch-bunten Charaktere von Sekunde 1 bis zum Schluss, als mit einem Mal das Licht ausging und der Ton plötzlich verstummte. Es gab Szenenapplaus und – wie gut bei einer Komödie – Gelächter. Und in der Pause tauschte man sich aus, über die erste gelungene, mitreißende Hälfte, trank zu Erleichterung noch ein Gläschen, aß eine Brezel oder rauchte auf der Kirchenallee gegenüber des Hamburger Hauptbahnhofs bei untergehender Sonne eine Zigarette. Pünktlich zum Beginn der zweiten Hälfte waren wieder alle da. Und am Ende, da riss es einige Zuschauer von den Sitzen, sie feierten das Ensemble, applaudierten den Schauspielern, die sich auf der Bühne um das minimalistische Bühnenbild tanzend beklatschen ließen – zu Recht – minutenlang. Obwohl sie bereits völlig erschöpft waren. Man glaubte ihnen, dass es auch ihnen Spaß gemacht hat. Ich liebe diese Magie, diese Energie im Theater und kann sie doch nicht treffend in Worte fassen. Besonders, wenn Schauspielern, wie dem herausragende Joachim Meyerhoff als Arnolphe jede Pointe, jede – vielleicht sogar spontane – Gag gelingen, wenn die Musik – egal wie skurril – stimmt, und die Kostüme, Masken, und Bühnenbilder die Perfektion mit einer Leichtigkeit wirkend komplettieren. Geflasht und beschwingt stieg ich nach dem Stück auf mein Rad und flog nach Hause, machte mir ein Mitternachts-Ovomaltine-Crunchy-Cream-Brot (nein, 2) und musste diese Gedanken einmal loswerden.

5 Gedanken zu “Vorhang auf und Standing Ovations

  1. da sollte ich mich wohl auch mal wieder ins theater begeben… man nimmt es sich immer vor und am ende wird es doch nichts. hört sich sehr spannend an.
    liebe grüße,
    jule*

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