Das weiße Hemd

dasweißehemdDas weiße Hemd

…ein zeitloses, klassisches Kleidungsstück, das in jedem gut oder schlecht sortierten Kleiderschrank hängen sollte.

Trendexperten sagen, wer ein weißes Hemd trägt strahlt Souveränität, Seriosität und Sexiness in einem aus – ohne dabei vulgär, aggressiv oder langweilig zu sein. Das weiße Hemd ist Basic und in seiner Simplizität ein Statement-Piece. Wer dessen Aura meistert, dem wird Aura verliehen. Nicht nur Trendexperten wissen dem weißen Hemd eine Rolle zu zu schreiben, auch in Sachen Business-Credibility meinen sehr viele Menschen zu wissen, was das weiße Hemd alles so bewirken kann: Seriöse Souveränität oder souveräne Seriosität. Es lässt einen aufgeräumt aussehen. Es lässt einen sein – vorausgesetzt es sitzt richtig, ist gewaschen (man selbst ist gewaschen), gebügelt und um einen gesunden Oberkörper geknöpft, auf dem ein wacher Kopf waltet.

So oder so ähnlich könnte es in den Lifestyle-Magazinen unserer Konsumwelt stehen. Das weiße Hemd für Männlein, die weiße Bluse für Weiblein – erhältlich überall, ob schwedisches Modehaus für fast alle Lebenslagen oder Designer-Boutique fürs pralle Portemonnaie – für jeden ist was dabei. Und das Tolle an diesem so genannten „Basic“-Teil – man kann es zu allem tragen, zu allem kombinieren….immer, überall…

…wenn man denn der Typ dafür wäre. Und da kommen wir zum großen „wenn das Wörtchen wenn nicht wäre…tät ich mich mit weißem Hemdlein nicht so schwer(e)…“

Mir helfen dabei auch nicht all die omni-erhältlichen Modemagazine und Fashionblogs, Typberater und stylishen Bekleidungsgeschäftsangestellte mit ihren Tipps und Tricks, wie auch ich mich in diesem Kleidungsstück zu Hause fühlen könnte. Vergeblich auch die Mühe all der Designer, die das weiße Hemd Jahr für Jahr aufs Neue interpretieren und so schon lange nicht mehr nur den klassischen Schnitt kreieren, sondern auch Designs mit abgerundetem Kragen, im Vokuhila-Style oder mit allerlei raffinierten Laschen, Rüschen und Schischi. Es müsste also wirklich für jeden was dabei sein.

Also, wo ist das Problem werden sich geübte Hemdenträger fragen. Wo ist das Problem, frage ich entsetzt zurück!? Das Problem ist das weiße Hemd an sich – dessen Knöpfe, Kragen, der Bügelkrampf vor dem Tragen-Müssen, die Passform nicht zu vergessen. Dessen modische Hoheit.  Es kann alles und vor allem natürlich Power Point. Na klar.

Möglicherweise habe ich ja noch nicht DAS weiße Hemd für mich gefunden. Eins, das perfekt sitzt, keinen Bizepsquetsch verursacht und nicht total übergroß wirkt, weil an gewissen Stellen nicht genug Füllmaterial zur Verfügung steht. Eins, das nicht aus der Hose rutscht und unschönes Hüftgold entblößt und wenn leger getragen, nicht gleich so lang ist, dass es als Nachthemd durchgehen könnte. Und – je nach Zuknöpfung wirkt man entweder bider oder bitchy – ja was denn nun, liebe Gesellschaft?

Aus diesen Gründen verbannte ich das letzte weiße Hemd vor einiger Zeit aus meinem Kleiderschrank. Es war inzwischen auch eingelaufen (was sonst) und fühlte sich selbst nicht mehr wohl auf meiner Haut. Wir haben uns sozusagen getrennt – einvernehmlich. Ein Kleidungsstück, ob Basic oder Besonders will doch auch getragen werden. Wenn es aber 364 Tage im Jahr nur im Kleiderschrank hängt, traurig den beliebten Hoodies, den kragen- und knopflosen Blusen und den Kleidern mit Taschen hinter her guckt, dann muss man ehrlich miteinander sein und eine Entscheidung treffen.

Doch vor kurzem befand ich mich in einer kniffligen Situation, die ein weißes Hemd verlangte. Im Sinne der Shareconomy hätte ich mir natürlich auch einfach eins von einer meiner Freundinnen leihen können. Irgendeine wird schon die gleiche Größe tragen. Stattdessen heizte ich kurz vor Ladenschluss in ein Geschäft, griff – ohne groß nachzudenken und ohne Anprobe – zu einem cool dreinschauenden Baumwoll-Modell und dachte, dass wir das anstehende Fotoshooting schon meistern würden. Wäre da nicht meine Affinität zum Mit-dem-Fahrrad-überall-hin.

Ganz schön empfindlich dieses Teil – diese weiße Hemd. Es verträgt sich anscheinend nicht mit meinem schweren Tubeschal, meiner leichte Übergangsjacke und auch nicht mit meiner Umhängetasche aus LKW-Plane. Entsprechend unaufgeräumt stand ich bei einem Foto-Termin und sorgte prompt für ein paar Lacher mit meinem Knitterlook. Das weiße Hemd hatte mich im Stich gelassen. Wie war das gleich noch mit Souveränität? Die Fotografin nahm sich ein Herz und reichte mir kurzerhand Bügelbrett und -eisen, bevor sie mich aus allerlei Perspektiven ablichtete. Und auch ich werde mir ein Herz fassen und dem neuen weißen Hemd einen Platz in meinem Kleiderschrank geben. Wir werden uns schon irgendwie zusammenraufen und Fashion-Freunde für ein harmonisches Miteinander an meinem Körper finden.

Mein modisches Urteil zum weißen Hemd:
In Sachen Lässigkeits-Faktor stufe ich das weiße Hemd insgesamt eher niedrig ein – trotz der Möglichkeit, die Ärmel hochzukrempeln. Es ist auch nicht wirlich flexibel – eher auf eine Rolle eingeschossen, nicht bereit für Kompromisse. Es steht nun mal für Kompetenz. Aber, es liegt auch am Träger diese zu beherrschen. Anders hingegen ein ebenso zeitloses Kleidungsstück – der unangreifbar lässige Hoodie mit Street-Credibility-Faktor. Ihn gibt es auch für alle Lebenslagen, für alle Geschlechter und gehört meiner Meinung nach in jeden gut sortierten Kleiderschrank. Noch nicht überzeugt?  Der Hoodie kommt absolut ohne Bügeln aus, kommt also in der Pflege energiesparender durch.

Ach, wenn das Leben nur ein Hoodie wär.

 

 

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