Guck nicht hin!

Feldstudien finden immer und überall und in der Regel ungeplant statt. Nach einigen Tagen in meiner vom Herbst geküssten Heimatstadt verweile ich nun im verworrenen und gleichzeitig charmanten Touristenmagnet Venedig. Eine Stadt, die ihresgleichen sucht, ein kleines, italienisches Disneyland, ein Ort zum Staunen und Tagträumen.

So bestiegen wir, meine Reisekumpanin und ich, am gestrigen Freitag gedankenverloren und mit jeder Zeit der Welt eines der vielen Vaporettos, den Busbooten. Unsere Blicke wanderten hin und her, fingen Eindrücke des Canale Grande ein, staunten über das glitzernde und immerzu türkise Wasser. Auf einmal sagte meine Freundin: „Guck da nicht hin!“ Reflexartig drehte ich mich aber dennoch um und sah, was ich nicht sehen sollte, was ich nicht sehen wollte.

Warum machen wir das? Wenn uns jemand in drei kurzen Silben sagt „Guck da nicht hin!“ wird mindestens jeder Zweite von uns den Rat oder die Aussage nicht befolgen und doch hinschauen. Müsste der Ratschlag dann anders formuliert werden? Eher als Warnung, um dann das „Ich hab dich gewarnt“ oder „Du hast es ja so gewollt“ zu umgehen? Oder geht es einfach nicht anders, weil wir selbst so schnell nicht schalten und formulieren können, wenn wir etwas Grausames sehen.

Unsere innere Neugier ist einfach zu stark und die Tatsache, etwas nicht zu wissen, was jemand anderes weiß – also folglich eine Information zu verpassen oder etwas vorenthalten zu bekommen, sorgt ergo dafür, dass wir nicht nicht gucken. Dass wir unsere Köpfe drehen, dass wir unsere Augen öffnen, dass wir glotzen. Und ebenso schnell wieder wegschauen, uns wegdrehen.

Es gibt viel zu sehen hier in Venedig. Viel Schönes, viel Historisches und Bezauberndes. Doch was wir gestern sahen bzw. sehen mussten war wahrlich unansehnlich, wahrlich widerlich und unfassbar. Ich frage mich, was Menschen dazu treibt, sich in der Öffentlichkeit dermaßen ostentativ ihren Trieben hinzugeben. Und nein, es war kein knutschendes Pärchen, sondern ein einzelner Mann mit seinem Handy (in der einen Hand…)

Fotos davon gibt es nicht, dafür andere Schnappschüsse:

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2 Gedanken zu “Guck nicht hin!

  1. Ah, ich sehe das hat sich auch nicht gändert. Als ich das letzte Mal da ware, gab es auch ein Pärchen, und das möchte ich gerne ins englische zitieren, „who bumped uglies“.
    Und auch irgendwo am Strand. Warum man das nicht im Hotel oder sonst wo machen kann ist fragwürdig aber vielleicht ist das auch die Stadt das einem dazu animiert seinem Treiben nachzugehen.

  2. Du hast so recht! Ich gehöre auch absolut zu denjenigen, die sich umdrehen würden. Ich platze ja jetzt schon fast vor Neugier… Aber es stimmt natürlich, dass man hinterher meistens schlauer ist und sich wünscht, man hätte sich nicht umgedreht.

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