Haare machen Leute

Karnevalsperücke

Karnevalsperücke

Wer wäre Sascha Lobo ohne roten Iro? Jennifer Aniston ohne immerglattes schulterlanges Haar und ich ohne meine dunkelbraune Mähne (anno 2012)? Ganz genau – jemand „anderes“ – zumindest auf den ersten Blick. Die Frisur verändert die Fremdwahrnehmung – sicher auch die eigene. Nachdem ich zum Beispiel meine langen Haare letztes Jahr im September gegen einen Bob eintauschte passierte was. Natürlich bemerkten alle, dass ich wohl beim Friseur gewesen sein muss – ja sogar Männer sprachen mich auf die neue Frisur an. Und falls es nicht bekannt ist, Männer bemerken angeblich NIE wenn (ihre) Frauen einen neuen Haarschnitt, eine neue Haarfarbe oder überhaupt etwas anderes mit ihren Haaren gemacht haben. Daher werte ich die durch alle Geschlechter hinweg geweckte Aufmerksamkeit als Zeichen dafür, dass mein Erscheinungsbild maßgeblich verändert aussah. Ich gebe zu, ich genoss die Aufmerksamkeit, das Lob, die überschwenglichen Komplimente, ich sähe jetzt viel besser aus – und gleichzeitig dachte ich, „na toll, wie muss ich denn vorher ausgesehen haben?“ – wahrscheinlich eine nicht untypische innere Reaktion. Ja, es passierte was.

Haar machen Leute…
…im besten Fall (noch): hübscher und attraktiver
…selbstbewusster (hallo Welt schau her!)
…stutzig (wieso hat sie das denn gemacht?)
…traurig (die schööööönen langen Haare)
…wachsamer (was steckt nur dahinter, wenn sich eine Frau zu einem neuen Haarschnitt entscheidet?).

Ethnologisch kann man das ganze natürlich auch betrachten, aber da ich weder Historiker noch Ethnologe noch Anthropologe bin verweise ich in diesem Fall nur auf die Weiten des Internets.  Da steht viel von Königen, die langes Haar tragen durften, Hexenverfolgung, Macht der Schere, Emanzipation und so weiter.

Im Jahre 2013 kann Frau machen was sie will und Mann natürlich auch mit dem Gott und freilich auch dem nicht Gott gegebenen Haar. Die Möglichkeiten sind zahlreich: Wer zu wenig hat, setzt auf Extensions oder Perücken, wer zu viel hat, lässt das Haar ausdünnen, wem es zu fad ist, greift zur Färbung oder Tönung. Hüte, Tücher, Stirnbänder, Klämmerchen, Müzten, Cappies – alles ist da, um das Haupt zu schmücken.

Während eine neue Frisur früher eine radikale Veränderung bedeutete, vielleicht sogar ein politisches Statement war, gilt sie heute wohl „nur“ noch als Ausdruck der Persönlichkeit – ohne den Wunsch, eine Revolution zu starten. Kreativer Individualismus, wenn man so will. Ein Teil der Mode, das sich verändert und einen (persönlichen) Zeitgeist beschreibt  – zumindest hierzulande.

Mein neuer Haarschnitt – ein Pixie – ist also kein politisches Statement. Er ist auch kein Symbol für andere Veränderungen (ich habe mir noch NIE eine andere Frisur wegen einer verflossenen Liebe zugelegt!). Zumindest nicht bewusst – ich weiß wirklich nicht, was mein Unterbewusstsein immer so mit mir anstellt. Möglicherweise habe ich mal im Traum gedacht, dass so superkurze Haare total super zum Laufen sind (kein nerviger Pferdeschwanz, keine Bobfransen, die im verschwitzten Gesicht kleben). Er – der neue Haarschnitt – ist einfach ein persönliches Haarexperiment. Ich werde jetzt eine Weile damit rumlaufen und vielleicht auch wieder ganz lang wachsen lassen, um mir wieder verspielt schöne, mädchenhafte Zöpfe flechten zu können, um morgens ewig viel Zeit mit Föhnen und Kämmen zu verbringen, um Haarkuren zu kaufen und mir Gedanken über Spliss zu machen.

Zum Abschluss ein kleines gewagtes Fazit zu dieser fragmentierten Feldstudie: Haare machen Leute – oberflächlich.

Ein Gedanke zu “Haare machen Leute

  1. Immer mal was Neues wagen, wieso nicht auch bei den Haaren. Schliesslich kann man sich nicht einfach mal nen Arm oder Bein abschneiden nur um zu sehen, wie das so wäre….bei Haaren gibt es, in den meisten Fällen, die Gewissheit, dass sie nachwachsen – perfekt zum experimentieren🙂

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