Hier werden Sie geduzt!

Vor einigen Jahren gab mir eine Freundin den Tipp, um bloß nichts falsch zu machen als Dienstleister: „Das ‚Du‘ muss vom Kunden kommen, egal ob es der Praktikant oder der CEO ist“. Gesagt, getan. Soweit ich mich erinnern kann, hielt ich mich an diesen durchaus soliden Tipp für Berufseinsteiger. Einige Jahre sind inzwischen vergangen, ich bin kein blutiger Anfänger mehr. Sehr oft hatte ich mit Kunden zu tun, bei denen ich sofort per Du war. Andere ließen sich hingegen damit Zeit. Manche aber führen selbst im eigenen Unternehmen keine Duz-Kultur, weshalb sie gar keinen Anlass sehen, ihre Dienstleister zu duzen. Distanz wahren, professionell bleiben. Dabei ist das doch kein Widerspruch, oder?

Mit der unterschiedlichen Anrede drücken wir aus, in welchem sozialen Verhältnis wir stehen – wir Menschen, die miteinander sprechen. Gehen wir formell, höflich, distanziert miteinander um bleiben wir beim Sie. Das Du packen wir aus, je länger wir uns kennen, uns mögen, wir Tacheles reden. Also durchaus ein konsequenter Schritt in einer Geschäftsbeziehung, wenn man aufrichtig, auf Augenhöhe miteinander umgeht. Etwas, was ich persönlich sehr begrüße!

Suppen-Du versus Brot-Sie
In der Hamburger Souperia ist jeder Du. „Was darf’s für Dich sein?“ wird man gefragt oder auch „Welches Brot bekommst Du dazu?“ – egal wie alt man aussieht, wie touristisch, wie stammkundig. Liegt es vielleicht an der Einfachheit einer Suppe, dass man nicht umständlich, förmlich gesiezt werden muss? Doch beim Bäcker nebenan ist man gleich wieder per Sie, egal wie alt man aussieht, wie touristisch, wie stammkundig. Egal ob man ein Franzbrötchen mit Streuseln oder ein Mettbrötchen kauft – egal wie bodenständig die Ware, die anscheinend doch kein Gradmesser für das Auslassen des Honorificum ist.

Ich frage mich manchmal bei den älteren Suppen-Kunden, die mit den grau bis weißen Haaren und faltenreichen Gesichtern, ob es sie stört, geduzt zu werden? Oder ob sie das geduzt werden gar nicht wahrnehmen? Ob sie es höflich überhören. Ob sie es sogar gut finden. Denn duzen, das machen vor allem die jungen Leute. Natürlich lernt man spätestens als Erstklässer (in Deutschland), dass nicht alle „Du“ sind. Die Lehrer, der Pfarrer, der Arzt. Die Gleichgesinnten nennen wir weiterhin beim Vornamen – in der Schule, in der Uni, im Nebenjob, im Club, beim Sport.

Aus Sie wird Du
Neulich bei einem längeren Kundentermin auf einer Messe unterhielt ich mich sehr angeregt mit einer Ansprechpartnerin auf Kundenseite. Wir sprachen auch über private Dinge – Hochzeiten, Wochenend-Pendlerei, Triathlon (sie), Marathon (ich). Mit ihren Vorgesetzten war ich bereits per Du, doch wir zwei, wir blieben irgendwie beim Sie. Ich empfand das auf Dauer  furchtbar gestelzt. Spätestens beim gemeinsamen Abendessen in großer Runde fand ich es regelrecht albern, doch erinnerte ich mich an den Hinweis meiner Freundin: „Das Sie muss vom Kunden kommen“. So spielte ich das Sie-Spiel mit, versuchte die Sie-Anrede sogar möglichst zu vermeiden und hoffte, dass beim nächsten Bier doch endlich mal das Du angeboten würde. Innerlich stellte ich mich darauf ein, beim Abschied dann doch den Schritt zu wagen. Denn, sie würde es mir sicher nicht übel nehmen, da war ich mir sicher. Sie wäre sicher nicht zu ihrem Chef gerannt, hätte mich verpetzt und auf das Sie (Frau Hoffmann, ich bitte drum!) bestanden. Feuer frei, dachte ich.

Der Abschied fiel herzlich aus, man freute sich aufs nächste Wiedersehen! Und dann fragte sie etwas beschämt, ob wir nicht auch Du sagen wollen! Ja, wollen wir sagte ich, stellte mich noch mal mit Catie vor und freute mich, dass wir diese schwere Geburt hinter uns hatten. Sie gestand, dass sie sich selbst nicht sicher war…

Ähnliche Erfahrungen machte ich im Umgang mit Journalisten und auch Bloggern. Letztere zu duzen schien mir aber sehr schnell das Natürlichste. Ein Blick auf den jeweiligen Blog lässt erahnen, welche Anrede angebracht ist.

Was lernen wir nun daraus?

  1. Auf das Bauchgefühl hören!
  2. Geduld bewahren!
  3. Nichts übers Knie brechen – jede (Firmen-)Kultur ist anders!
  4. Immer professionell bleiben
    – es geht schließlich um eine Geschäftsbeziehung.

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