Hallo-lologie

Guten Tag, Hallo, Servus, Grüß Gott, Hey, Hi…Moin nicht zu vergessen – die Grußarten hierzulande sind zahlreich – UND durchweg positiv. In Kombination mit einem Kraftausdruck hingegen – Beispiel: Moin Arschloch – je nach sozialer Verbundenheit und Innigkeit zwischen zwei sich grüßenden Personen, möglicherweise auch liebenswürdig gemeint, für Außenstehende i.d.R. wohl aber als negativ und beleidigend aufgefasst.

Täglich grüßen wir einander – die Kollegen, die Geschäftspartner, Mitbewohner, Nachbarn, Supermarktkassierer, Follower und Fans, Friends und +1er, stets in Momenten einer kurzen Begegnung oder im Zuge einer Interaktion. Auch wenn wir die Supermarktkassierer/in nicht kennen, der Akt des Kassierens bzw. des Bezahlens (sowohl bar, als auch mit Karte) sorgt  für einen kurzweiligen Moment von Abhängigkeit. Gleiches lässt sich bei der Paketaufgabe im Postamt beobachten oder beim Spargelkauf auf dem Markt oder beim Besteigen eines Taxis am Ende einer durchzechten Nacht.

Etwas anders geht es unter Nachbarn zu. Grundsätzlich und vor dem Ausbruch der ersten Maschendrahtzaun-Kindertrampel-oder-Grillwurstrauchschwaden-Kriege übt man sich in einem höflichen Miteinander. Es wird freundlich gegrüßt, wo eben gegrüßt werden kann. Allzuoft im Treppenhaus, mancherorts auch im Waschkeller, Aufzug, Fahrradkeller oder vor den Mülltonnen. Guten Tag, Hallo, Servus, Grüß Gott, Hey, Hi…Moin – alles ist denkbar, sekundenschnell und schmerzfrei. Je nach Kriegsstatus ist ein Kraftausdruck zusätzlich denkbar – ja wirklich „denkbar“. Natürlich aber auch verbal ergänzbar – je nach…ihr wisst schon.

Kommen wir aber nun zu einer Situation in der weder wegen einer Abhängigkeit noch einer häuslich bedingten Interaktion gegrüßt wird. Als allgemeiner Grußgrund wird hier die Gemeinsamkeit genannt. Und diese trifft zu, wenn zwei oder mehrere Personen zur gleichen Zeit am gleichen Ort aneinander vorbei gehen, spazieren, laufen, radeln…wie beispielsweise in einem Park, also einem öffentlich zugänglichen Raum. Oft sieht man zum Beispiel Laufgruppen aneinander vorbei traben, die sich ein sportliches Moin zurufen. Insider meinen dies als anerkennendes Moin zu interpretieren, denn selbst Sportler unterschiedlicher Vereine zollen sich ja gegenseitig Respekt und wünschen sich nicht wörtlich „Hals- und Beinbruch“, um am Wettkampftag als Sieger zu jubeln. Ab und an werden auch Wandergruppen gegrüßt, die man kolonnenhaft überholt und sich für das Überholmanöver entschuldigt und gleichzeitig bedankt. So sind sie die Freiluftakteure: Immerzu höflich, respektvoll und bescheiden. Dies ist vor allem in ländlichen Gefilden zu beobachten.

Im urbanen Umfeld jedoch wird das gegenseitige Grüßen von Akteuren, die sich a) nicht kennen, b) nicht im gleichen Moment das gleiche tun schlichtweg als SELTSAM empfunden. Beispiel Stadtpark Hamburg. Hier bewegen sich regelmäßig sportelnde wie spazierende Menschen an der frischen Luft. Ich bewege mich übrigens zu 99,99 Prozent in der sportelnden Gruppe und kann aus dieser Perspektive berichten: Grüßt einer von uns Sportlern einen von „denen“ Spaziergängern dann wird zu 99,99 Prozent nicht zurück gegrüßt. Auch im Fall des Grüßens anderer Sportler, oft einzeln Trainierender, wird der Gruß nicht erwidert.

Nun lassen wir uns in unserem Training davon nicht entmutigen. Mich persönlich beeindruckt diese Einseitigkeit dann aber doch ein wenig. Gerade aus völkerkundlicher Sicht. Man muss dazu sagen, dass der Mensch, der immerzu alle grüßt – nunja…er ist kein Deutscher. Versteht mich nicht falsch! Ich hab nichts gegen Ausländer, liebe Leser – ich will hier ja niemandem was vor machen – ich als Mischling. Aber andere Länder, andere Sitten – darum geht es! Und so sind die Sonnen verwöhnten, Meeres umrauschten und Freundlichkeit verliebten Australier (nur so als Beispiel) eine völlig andere Grußkultur gewöhnt. Ein Hallo ist einfach ein Hallo und kann immer und überall verteilt werden. Ja genau, immer und überall. Das ist hier in Deutschland nicht Usus. Grüßt ein Mann eine Frau, wird diese davon zwar nicht gleich schwanger, aber als Gegrüßter fragt man sich sofort „Was will der von mir?“ – und flüchtet sich in einen abweisenden Blick und verstummt. Dabei ist ein Hallo keine Waffe und tut niemandem weh.

Im Gegenteil – vielleicht denkt man ja auf dem Nachhauseweg:
„Mensch da war heute einer, der hat einfach ‚Hallo‘ gesagt…
das war irgendwie nett.“

3 Gedanken zu “Hallo-lologie

  1. Witzige Beobachtung meinerseits: Ich laufe gerne bei uns in Köln am Rhein entlang und über die Rheinbrücken. Im Sommer ist das eine dicht bevölkerte Flaniermeile, in der jeder anonym die Atmosphäre genießt und – nicht grüßt. Gehe ich im Winter joggen, grüßt man sich. Da greift dann das, was Du beschreibst: Man gibt sich gegenseitig Respekt dafür, bei dem Sauwetter rausgegangen zu sein. Versteh mich aber bitte nicht falsch, ich finds sehr angenehm, dass diese Zeiten für die nächsten Monate vorbei sind – freundliches Grüßen hin oder her:-)

    • Ja so eine Flaniermeile gibts in Hamburg auch – an der Alster ist es kaum auszuhalten und Anonymität erwünscht. Eben ganz „urban“ und das Zurück-Grüßen sicher auch Tagesform abhängig.

  2. Ich bin letztens – in Hamburg – am Bahnsteig entlang gegangen und da saßen und standen ungefähr zehn kleine Kinder (so 4-5 Jahre alt). Sie riefen jedem vorbei-gehenden ein freundliches „Hallo“ zu (woraus dann ein permanentes „Hallo-Hallo-Hallo“ wurde), bekamen aber von niemandem eine Antwort. Alle schauten einfach zur Seite oder stur geradeaus. Ich fand das traurig. Als ich angekommen war grüßte ich dann einfach mal zurück und die Kinder waren total begeistert. Das hat mir komplett den Tag gerettet.

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