Den Kindern ein Vorbild!

Welchen Kindern mag man sich fragen?

Seit Jahrzehnten lässt das statistische Bundesamt sinkende Geburtenzahlen in Deutschland verlauten. Pro Jahr gebären Frauen im Durchschnitt ca. 1,4 Kinder. Warum? Nun, zum einen lassen sich Frauen heute länger Zeit mit dem Nachwuchs, insbesondere die laut Demographen relevante Altersgruppe zwischen 26 und 35 – Stichwort „Karriere“…zum anderen…naja, gibt es halt auch immer weniger Frauen, zum Kinder kriegen, wenn es langfristig weniger Geburten gibt.

Heißt das dann, dass sämtliche Ampelschilder „Den Kindern ein Vorbild“ überflüssig werden? Können wir Erwachsene jetzt endlich scham- und gewissenlos bei rot die Straße überqueren? Dürfen wir endlich fluchen, wie es der Herrgott wohl nicht verdient hat zu hören, wenn man an ihn glaubt? Und dürfen wir nun auch laut rülpsen und hemmungslos furzen, was das Zeug hält, mit vollem Mund reden, pöbeln und uns daneben benehmen, weil wir endlich endlich keine Vorbilder sein müssen? Leichte Vorfreude macht sich breit – schelmisch reiben sich Benehmensfrevel die Hände….

Nun…würde ich – zum Beispiel – all das tun und am besten noch aufhören zu duschen und mich echt einfach mal gehen lassen…irgendwann hätte ich wohl keine Freunde mehr. Wer will schon mit jemandem Zeit verbringen, der sich (in der Öffentlichkeit) nicht halbwegs zusammen reißen kann?

Würden wir denn eigentlich weniger Rücksicht im Straßenverkehr nehmen, wenn es diese Schilder gar nicht (mehr) gäbe? Und tun wir es nicht eigentlich schon, obgleich uns täglich quakende Kinder begegnen? Jeden Tag rast mir mindestens ein Radfahrer auf der falschen Seite vor mein Velo. Jeden Tag sehe ich Fußgänger bei rot über die Straße jagen. Es interessiert keinen mehr, ob irgendwo ein Schild hängt oder ein Kind staunt – ein Kind dem die Welt noch offen steht.

Vor einigen Jahren, als ich noch im ruppigen Rheinland wohnte und mit Besuch aus Fernost einen Ausflug zum Schokoladenmuseum in Köln unternahm, standen wir kurz vor unserem Ausflugsziel an einer Straßenbahn-Überquerung. Dort gab (und gibt es soweit ich weiß heute immer noch) eine Fußgängerampel, damit Fußgänger und Straßenbahn unversehrt ihren Weg durch Köln fortführen können. Damals also, auf unserem Weg zum Schokoladenmuseum, standen wir nun an jener Ampel und warteten auf das Grünzeichen. Natürlich – es ist ja ein täglich zu beobachtendes Phänomen – gab es auch an jenem Tag Passanten, die nicht auf grün warteten und unversehens bei rot die Gleise überquerten. Da es nun heutzutage nichts Ungewöhnliches ist, schert man sich nicht darum und verschwendet keine Energie auf eine Zurechtweisung derartigen Fehlverhaltens. An diesem Tag gab es jedoch einen wartenden Passanten, der dieses bei-rot-über-die-Straße-Gehen nicht dulden wollte und deshalb rief: „Ey du Wichser, das steht’n Kind!“ (Da ich Wichser nicht auf japanisch übersetzen konnte – ich weiß es übrigens immer noch nicht – übersetzte ich das Gesagte etwas abgeschwächter.)

Vielleicht fragte das dort anwesende Kind seine Mutti direkt „Mama, was heißt Wichser?“…

Da um mich herum just der Baby-Boom ausgebrochen ist, mache ich mir dann und wann als (Quasi-)Tante in spe natürlich so meine Gedanken. Natürlich, egal wie viele oder wenige Kinder nun jährlich auf die Welt kommen, von Frauen zwischen jung und alt, früher oder später werden sie das fluchen und Abkürzungen im Straßenverkehr kennenlernen. Vielleicht muss ich ja irgendwann als (selbstredend) coole Tante sogar erklären, was Wichser heißt…und das nicht erst, wenn es Zeit für die Schule wird. Meinen Recherchen zu folge werden die „Den Kindern ein Vorbild“-Schilder nämlich vor allem zum Schuljahresbeginn aufgehangen und natürlich überwiegend in der Nähe von Schulen…außerhalb dieser Bildungseinrichtungen dürfen wir dann wohl alle Wichser sein, oder was?

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