Prä-Feiertags-Konsum

Osterfrisch

Osterfrisch

Es ist Ostern. Jesus wird sterben. Jesus wird auferstehen.

Karfreitag ist arbeitsfrei. Genauso ist Ostermontag arbeitsfrei, zumindest für die arbeitende Angestellten-Mehrheit.

Die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung empfindet diese arbeitsfreie Zeit als willkommene Gelegenheit: Manche feiern ein großes Familien-Osterfest, andere nutzen die Zeit, um wegzufahren oder einfach die Füße hochzulegen und den Kopf auszuschalten. Und natürlich freuen sich alle über das Ende der Fastenzeit: endlich wieder schlemmen, endlich wieder Völlerei – back to Winterspeck.

Damit auch der (Oster-)Samstag, ein regulärer Samstag mit regulären Öffnungszeiten der Geschäfte, ein entspannter (Oster-)Samstag wird, kommt es am Abend des Gründonnerstag zu einem Run auf Lebensmittel und Konsumgüter, wie vor allen Feiertagen und verlängerten Wochenenden – das Phänomen unserer gegenwärtigen Konsumgesellschaft.

Als gäb’s kein Morgen mehr
Als würde morgen der Krieg ausbrechen. Als gäbe es nur noch heute diesen einen Käse und diese eine bestimmte Sorte Äpfel. Die ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln, die uns durch verlängerte Öffnungszeiten – wochentags teilweise bis 00 Uhr – suggeriert wird, löst einen Angstreflex aus, wenn eigentliche Wochentage wie Freitag und Montag plötzlich zu den Feiertagen Karfreitag und Ostermontag werden und man nicht mal eben noch schnell ein Brot holen kann. Was soll man nur tun, wenn das Salz ausgeht? Also gehen wir JETZT noch ein mal auf Jagd und harren anschließend der Dinge.

Natürlich könnten wir auch erst am (Oster-)Samstag losziehen oder noch einmal, falls wir etwas vergessen haben. Tendenziell wird an solchen Gründonnerstagen und auch (Oster-)Samstagen mehr gekauft, als an regulären Donnerstagen und Samstagen. Früher waren das auch Tage, die ein Mal im Monat vom Einzelhandel „verlängert“ wurden. Dann gab es den „langen Donnerstag“ und Geschäfte hatten bis 20 Uhr geöffnet, am „langen Samstag“ bis 16 oder 18 Uhr. Diese heutzutage selbstverständliche ständige Einkaufsmöglichkeit gab es früher nicht. Da wurden der Feierabend, das Wochenende und die freie Zeit mit anderen Tätigkeiten verbracht als mit Konsum. Früher hatte man noch Hobbys. Ach früher…

Kassenroulette und strategische Regalreihen-Begehung
Als Vegetarier und aus Trainingsgründen vorerst noch drei Wochen auf Alkohol und Knabbereien verzichtend muss ich mich zwischen deutlich weniger Versuchungen entscheiden und schlage mich schneller zu den Kassen durch, als die um mich herum wuselnden Allesfresser und Ostersüßigkeitenopfer. Keinen Gedanken muss ich an Osterhasen, Ostereier, Osterwaffeln, Osterwasauchimmer verschwenden. Ich rede mir Paprikastreifen mit Quark als schmackhaften Fernseh-Snack schön während ich nun vor fünf geöffneten Kassen und Prä-Feiertags-Post-Feierabend-Schlangen stehe.

1,2, 3, 4 oder 5
Ich springe NICHT umher, denn sonst würde die 1l Glasflasche Johanisbeersaft zu Boden krachen und dunkelrote Spritzer auf aller Leute Hosen und Unterleiber verteilen, böse Blicke in meine Richtung provozieren und ich mir wünschen, nie einen Fuß in diesen Laden gesetzt zu haben. Also bleibe ich stehen. Die goldene Mitte. Gegen den kleinen Hunger könnte ich schon jetzt das Brot ins Humus tunken und mit dessen Knoblauch-Aroma die angespannte Stimmung aufmischen. Doch auch das lasse ich und checke stattdessen bei Foursquare ein. Außerdem schicke noch einen Tweet ab. Was soll man auch sonst tun, wenn man sich waghalsig dem Prä-Feiertags-Post-Feierabend-Konsum hingibt gegen die Angst nie mehr wieder eine butterzarte Avocado kaufen zu können und sich kurz vor dem Ziel nichts mehr bewegt?!

Ich hatte die Wahl und habe mich entschieden, genauso wie gefühlt ganz Hamburg. So sehr ich den Massenkonsum auch verachte, ich bin nicht davor gefeit. Bis Weihnachten arbeite ich vorsorglich schon mal an einer Prä-Feiertags-Konsum-Playlist und Beruhigungsmantras, falls mein Lieblingskäse und die eine bestimmte Sorte Äpfel tatsächlich vergriffen sein sollten.

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