Kopf auf Tisch

…wer kennt nicht dieses Gefühl, diesen inneren, plötzlichen und unüberwindbaren Drang manchmal seinen Kopf auf einen Tisch fallen zu lassen? Vor Verzweiflung. Vor Wut. Vor Entsetzen. Vor Erschöpfung. Und das alles zusammen.

In eine Formel gepackt, würde dies lauten:
Verzweiflung+Wut+Entsetzen+Erschöpfung = Kopf auf Tisch
oder auch abgekürzt:
V+W+Ex2=K auf T.

Man muss kein Mathe-Genie sein, oder in seinem früheren Leben gewesen sein, um dieses Gefühl zu kennen. Es wird ausgelöst durch äußeres Einwirken – welches wiederum den sehr speziellen Verhaltensweisen von Mitmenschen geschuldet ist (und den in solchen Momenten wohl nicht kompatiblen persönlichen Sozialerwartungen).

Natürlich klingt das alles wahnsinnig abstrakt. Und Gefühle sind nicht abstrakt. Gefühle sind sehr abstrakt. Viel einfacher wäre es, wenn ich ein konkretes Beispiel nennen würde. Aber ich habe mir für thefeldstudien felsenfest vorgenommen, andere und vor allem mir bekannte Personen nicht (vorsätzlich) zu diffamieren. Also bleibt es einfach bei: Person X  hat Y gemacht und deswegen passiert V+W+E2=T auf K.

Bei solch heiklen Themen überlege ich wirklich lange, ob ich den Text überhaupt schreiben soll. Und so mag es manchem Leser ja auch in anderen Lebensbereichen – offline wie online – gehen.

„Sag ich jetzt, dass ich das scheiße finde oder halt ich die Klappe?“, „Kommt bestimmt nicht gut an, wenn ich ehrlich sage, dass ich nicht…“, „Was wäre, wenn wir mal nicht das machen, was…“

Beispielsätze. Variabel einsetzbar. Noch variabler die jeweilige Konsequenz. Und die Konsequenz im Internet heißt…Moment, ich frage mal diese bunte Suchmaschine…ahja, die nennt man Schitttschtorm. Ich hoffe, ich habe das richtig ausgesprochen. Keiner will einen Schitttschtorm über sich ergehen lassen müssen. Wenn man ihn vermeiden kann – also präventieren – dann sollte man das tun. (Mein digitales alter Ego sollte demnach also nichts zu befürchten haben.)

Dieses Gefühl wird ausgelöst in allen erdenklichen Lebensbereichen. Sowohl im Job, als auch im Freundes- und Familienkreis sowie von mir völlig fremden Menschen, die etwa an der Supermarkt-Kasse ihr Kleingeld wahnsinnig umständlich zusammen suchen und dann aber doch mit Karte bezahlen, was wiederum erst beim dritten Versuch funktioniert. Mein Problem im Supermarkt: es ist weit und breit kein Tisch für meinen Kopf zu finden.

In oben genannter Formel steckt aber noch viel mehr. Der ganze Körper sackt zusammen, wird klein. Das Gesicht wird nach innen gekehrt, der Mensch versteckt sich. Bloß nicht mehr hingucken, in die Hackfressen. Dank Kopf auf Tisch sind sie einfach weg. Verschwindibus und die Welt ist wieder gut. Für einen Moment.

Um noch mal auf mögliche Konsequenzen zurück zu kommen: Tut man das was andere erwarten, dann ist alles gut. Wir spielen eine Rolle, verhalten uns wie es das ungeschriebene Drehbuch unseres alltäglichen Lebens vorgibt. Gefragt wie es uns geht, antworten wir automatisch „gut, und dir?“, auch wenn es nicht der Wahrheit entspricht und es uns manchmal einen Scheiß interessiert, wie es anderen geht. Doch ist man egoistisch und denkt an sich, seine Gefühle, seine Bedürfnisse UND entscheidet, sich genau solchen Trieben hinzugeben, fällt man aus seiner Rolle raus und das Schauspiel funktioniert nicht mehr. Improvisationsakrobaten mögen das für einen Moment auffangen können, doch langfristig bleibt eine Kerbe. Ein Schittschtorm mag gehen, doch die Erinnerung daran bleibt. Aus irgendeiner Schublade wird er wieder hervorgegraben, Jahre später.

Neben der Anwendung von K auf T sollte man es hin und wieder auch mit persönlichen Aussprachen versuchen. Bei den täglich wechselnden Fremden an der Supermarkt-Kasse lohnt sich das vielleicht nicht unbedingt und da sollte Ruhe bewahren, tief durchatmen reichen.

Damit jetzt keiner denkt, ich sei Amok gefährdert…dieses Gefühl kommt nicht oft hoch. Meistens habe ich mich ja ganz gut unter Kontrolle und so scheint es der Mehrheit meines sozialen Umfelds auch zu gehen. Ínnerlich die Contenance zu verlieren ist keine Schande. Lernen, damit umzugehen wohl eine der größten Aufgaben unserer persönlichen Entwicklung.

2 Gedanken zu “Kopf auf Tisch

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