The Wing(wo)man

The Wing(wo)manBerufe gibt es viele. Von A wie Apotheker, über M wie Mechaniker bis hin zu Z wie Zoologe. Oder auch B wie Berater. Berater, wiederum, gibt es auch viele: Unternehmensberater, Steuerberater, Style-Berater oder PR-Berater. Allein in meinem Freundes- und Bekanntenkreis befinden sich bestimmt rund 100 PR-Berater auf verschiedensten Levels. Ich habe aber auch Freunde und Verwandte und Bekannte, die was völlig anderes machen – als Werbetexter, Designer, Musiker, KiTaleiter, Toningenieur, Journalist, Fitnesstrainer, Marketingmanager, Koch, Rentner, wieder Student oder in einer NGO die Welt retten. Und genau so wenig wie ich weiß, was meine Musiker-NGO-Marketing-undsoweiter-Freunde eigentlich den ganzen Tag machen, weil man nie so ganz ausführlich darüber spricht (weil es gerade viel wichtiger ist, den „Girls-Talk“ zu führen) wissen die wenigsten, was ich als  Junior PR-Beraterin wirklich mache.

Im Rahmen der von Wibke Ladwig (Sinnundverstand.net) ins Leben gerufenen Blogparade „Und was machen Sie so beruflich?“  möchte ich dies einmal erläutern. Eines vorweg: ICH MACHE KEINE WERBUNG!

Der Junior PR Berater (m/w)

Als PR Junior Beraterin berate ich als Dienstleister Firmen und ggf. auch Einzelpersonen, also Kunden, im Bereich PR und Öffentlichkeitsarbeit. PR steht für Public Relations…also öffentliche Beziehungen. Furchtbar beamtisch, daher lieber PR. Mein Job ist es, den Kunden in die Medien und somit in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Medien sind die Zeitungen, Magazine, die Webseiten dieser Zeitungen, die Webseiten dieser Magazine und neuerdings auch die Seiten dieser Zeitungen und Magazine in sozialen Netzwerken, wie Facebook, Twitter & Co. Außerdem gehören auch Blogs zu den Medien, die thematisch zu „meinen Kunden“ passen. Die Öffentlichkeit sind wir alle, die tagtäglich diese Medien in welcher Form und Masse auch immer konsumieren und uns mit ihrer Hilfe über das Weltgeschehen informieren. 

Um dies zu erreichen und den Kunden richtig zu beraten, muss ich diese ganzen Medien natürlich kennen und natürlich muss ich  meinen Kunden und seinen Themen kennen. So eigne ich mich ständig neues Wissen zu unterschiedlichsten Themen an. Dann mache ich „Matching“ und paare die Themen mit den passenden Medien. Ergo bin ich so etwas wie ein „Wingman“ und verkupple meine Kunden und ihre Anliegen mit den passenden Medien.

Trotz Zeitungssterben und Medienkrise gibt es allein in Deutschland noch sehr viele Medien. Die „gängigen“ oder auch klassischen Printmedien – so lange sie noch leben – wie etwa die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder auch Der Spiegel sowie die abertausenden Wochenblättchen, die den lokalsten Gossip und Anzeigen kundtun. Es gibt auch eine Unzahl an Medien, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt, bis man über sie stolpert. Das gilt insbesondere für die ganzen Fachmedien. Fachmedien für Forst- und Waldwirtschaft, Fachmedien für Fotografie, für Autoleasing, für Versicherungen, für die Textilwirtschaft, für Finanzen, für Alles. Auch diese muss man kennen, sofern sie für den Kunden relevant sind. In meinem Job gehört also viel lesen dazu und Radio hören und im Internet surfen und Fernseh gucken. Kurz gesagt: Medien in jeglicher Form konsumieren, 24/7. Also eigentlich ein Traumjob!

Wichtig ist dann aber auch, beim konsumieren und bei der Kundenberatung, zu wissen wie ich die Medien anspreche und was ich ihnen erzähle, damit sie meine Kunden mit einem aussagekräftigen (positiven) Beitrag berücksichtigen. Das geht auf unterschiedliche Weise: per Pressemitteilung, per Pressekonferenz, per Telefonat, per Interview, per Studie…auch per Gewinnspiel…alles ist denkbar. Gewinnspiele sind ehrlich gesagt nicht so meins und zur Zeit muss ich sie auch nicht umsetzen. Ihr seht: Viele Wege führen nach Rom…also in die Medien.

Natürlich mache ich all das nicht jeden Tag sondern wohldosiert, je nach Bedarf, Zeit, Geld… Darüber hinaus organisiere ich auch unheimlich viel. Hätte ich kein Diplom in Regionalwissenschaft Japan mit Schwerpunkt Soziologie, ich wäre sicherlich Master of Organizational Affairs. Zum Studium würde viel Telefonieren, Terminplanung, Excel-Tabellen und Powerpoints (oder die coolere Version: Prezi) erstellen gehören, außerdem Budget-Planung, Rechnungen schreiben (das geht auch ohne BWL-Studium), Meetings einberufen, Aufgaben verteilen…äh delegieren und so unglaublich schlaue, aber leere Dinge sagen wie „Wir müssen Out-of-the-box denken“.

Neben der Beratung gehört also auch die Umsetzung von PR-Konzepten zu meinem Dasein als Junior PR-Berater. Und auch wenn ich als Dienstleister für einen bestimmten Kunden arbeite, bin ich dennoch auch für Journalisten ein wichtiger Ansprechpartner. So zumindest der Idealfall. Es mag auch Journalisten und Blogger geben, die PR-Leute unheimlich doof finden. Aber das ist eine andere Geschichte und die soll ein andern Mal erzählt werden. Ich persönlich finde, dass man den PR-Berater auch als Botschafter zwischen Kunden und Medien bezeichnen kann. Jemand der beide Seiten kennt und zwischen den Fronten vermittelt. Im Idealfall ist mein Kunde mit einer total supermega Story in einem A-Liga Medium vertreten, über mehrere Seiten, inhaltlich alles Halleluja und der Journalist erhält dafür auch noch den Pulitzerpreis.

Im Idealfall.

In der Realität freut man sich auch über 1/8-seitige Clippings, also das Kleingedruckte zwischen den Anzeigen im Lokalblättchen.

Warum eigentlich „Junior“? Der „Junior“ gibt quasi mein Beraterlevel wieder. Nicht mehr Volontär/Trainee, noch nicht Berater und somit Master of Desaster, aber durchaus erfahren und ausgewachsen genug, um eigenverantwortlich all die oben beschriebenen Dinge in direktem Kunden- und Medienkontakt zu tun.

Wir halten fest:
Der Junior PR-Berater (m/w) verkuppelt Kunden mit Medien. Der Kunde braucht den Wingman oder die Wingwoman, und vertraut ihm/ihr, da er sich selbst nicht um alle oben genannten Punkte kümmert und deswegen diese Aufgaben outsorced, also auslagert. Natürlich sitzt der Kunde nicht faul in seinem Büro und wartet darauf dass ich mich melde…der kloppt sich wahrscheinlich mit den Marketing- und Vertriebskollegen ums Budget.

Ich schweife ab…also, der Wingman kennt ganz viele  und immer die richtigen Leute (Journalisten, Blogger, Hotelliers, Eventheinis…), weiß, die richtigen Geschichten zur richtigen Zeit zu erzählen, liebt es zu kommunizieren, egal ob übers Telefon, per E-Mail, in persona, über Fax, Brieftaube, bei vielen Gläsern Gin Tonic und verpasst niemals nie einen Trend – zumindest in „seinem“ Spezialgebiet. Als generalistischer Fachidiot, der mit Deadlines ins Bett geht und Multitasking schon beim Frühstück zelebriert halten sich die Krankheitstage des Junior PR-Beraters per annum in Grenzen, ebenso wie das Gehalt. Doch Geld allein macht auch nicht glücklich, denn bei einem 24/7 Job habe ich eh keine Zeit, es auszugeben. Okay, in diesem Punkt habe ich übertrieben, aber so ist das halt, wenn man BIG denkt. Als Junior-Möglichmacher muss es ja noch Raum nach oben geben.

Exkurs:
Jetzt sagen sicher viele: „Aber, Kind…du hast doch was ganz anderes studiert!? Du hättest doch etwas aus dir machen können…“

– Hm…ja stimmt. Aber als Diplom-Irgendwas-Mit-Japan-und-Soziologie wollte ich keine Mangas oder Animes übersetzen, ich wollte keine japanische Bank oder Autofirma weder auf japanischem noch auf deutschem Boden mit meinem nicht vorhandenen betriebswirtschaftlichen Wissen aufmischen, ich wollte auch nicht zum Ober-Gaijin-Nerd in Japan werden, der Englisch lehrt und achwe, als Karaoke-Star wäre ich wohl auch nicht weit gekommen.

Hätte ich mich vielleicht für ein BWL-Studium oder zumindest BWL im Nebenfach entschieden, dann…oder hätte ich das 1. Vorsprechen an der Schauspielschule überstanden und den Schauspielberuf dann nicht an den Nagel gehangen, dann…oder hätte ich eine Konditor-Lehre oder gar besser Zeitungen austragen gelernt…aus mir hätte immer etwas Anderes werden können. Aber etwas Besseres?

Letztlich glaube ich, dass aus mir durchaus was geworden ist. Immerhin nehme ich keine Drogen und schlafe nicht unter einer Brücke. Ich lebe in der verdammt schönsten Stadt der Welt und zwar mittendrin und nicht im Randgebiet, darf luxusjammern über Lapalien, weiß was so passiert in der Welt und versauere nicht, weil ich jeden Tag das Gleiche mache.  Freizeit ist vorhanden, ebenso wie Bodenständigkeit und die Gewissheit, dass man sich selbst nicht zu ernst nehmen sollte, auch wenn es ohne Selbstbewusstsein als Wingwoman nicht geht.

Bazinga!

7 Gedanken zu “The Wing(wo)man

  1. Hi,

    bin durch Zufall auf diesem Beitrag gelandet. Der war so interessant, dass ich alles gelesen habe (was sonst seltener der Fall ist ;)). Da ich mich schon immer fragte, was konkret hinter einer/m PR-Berater/in steckt, passt dieser Artikel hervorragend. Lieben Dank!

    Bastian

    PS: Ich habe nicht ins Impressum geschaut aber wo wohnst Du, wenn Du sagst, dass Du in der schönsten Stadt wohnst?😉

    • Hallo Bastian, das freut mich sehr. Sowohl, dass ich Licht ins Dunkle bringen konnte als auch die Tatsache, dass Du bis zum Schluss gelesen hast🙂 Und die schönste Stadt der Welt heißt: Hamburg!

  2. Pingback: Blogparade: Und was machen Sie so beruflich? | Sinn und Verstand Kommunikationswerkstatt

  3. Ich fühle mich so aufgeklärt. Ein interessanter Text über die Dinge, die man nicht nachfragt, weil man das Gefühl hat, längst alles über die lieben Kollegen wissen zu müssen – schließlich arbeitet man ja Tür an Tür und trifft sich beinah täglich in der Küche. Ein spannender Einblick in eine unbekannte, aber gar nicht so fremde, Welt. Danke! ; )

  4. Pingback: Fast hundert Berufsbilder in der Blogparade: Und was machen Sie so beruflich? | Sinn und Verstand Kommunikationswerkstatt

  5. Pingback: Dein Blog und wir. | thefeldstudien

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