Flohmarkterei

Flohmarkt-Treiben in der Fabrik, Altona

Flohmarkt-Treiben in der Fabrik, Altona

Voll bepackt mit prallen Tüten, schweren Kisten und bunten Sachen, die anderen Leut mehr Freude sollen machen – hinein ins Flohmarkt-Feeling!

So auch heute morgen – am S O N N T A G morgen wohlgemerkt – raffte ich meine über Jahre gut erhaltenen und im HVV transportierbaren Habseligkeiten zusammen, um sie in der Fabrik in Altona getreu dem Motto „ALLES MUSS RAUS“ an Stöberfreunde und Schnäppchenjäger abzugeben. Dieses Jahr ohne Glitzerstrassrüschenschuh…

Flohmärkte gehören angeblich zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen. Tauschen, trödeln, tratschen – eine wahre Goldrgrube ürigens auch für Hobbysoziologen. Man darf beobachten, wie Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft über die wildesten Waren herfallen, Preise verhandeln und Materialitäten unterschiedliche Werte zuschreiben.

So kommt es häufig vor, dass ein Verkäufer die emotionale oder kosmopolitische Geschichte eines Gegenstands mit einem potenziellen Käufer teilt und sich damit eine höhere Wertschätzung, ergo ein besseres Tauschgeschäft erhofft:  „Das habe ich in Thailand gekauft“ oder „Das trug ich damals zu Homecoming“, „Das hat mir meine damals beste Freundin geschenkt“. Sätze wie diese können einen Gegenstand aufwerten, wenn ein Käufer für Emotionalitäten bereit ist.

Wenn.

Manche Käufer gehen sehr pragmatisch vor. Systematisch. Ja, sogar strategisch. Wie etwa so genannte „Markenmissioniare“. Sie suchen ausschließlich Bekleidung namenhafter Hersteller und kaufen gern im Paket. Sprich: 2 Hosen, 2 Shirts, 1 Paar Schuhe – für 10 Euro. Solche Käufer erwerben nicht für sich selbst – vielleicht für ein Mitglied der Großfamilie, vielleicht aber auch für den eigenen Verkaufsstand auf einem anderen online oder offline Trödelmarkt.

Ähnlich gefühlslos stöbern manche Miesepeter und -petras: sie suchen gezielt nach Makeln eines Gegenstands, um ihn für höchstens einen Euro zu ergattern. Mehr sei das olle Ding ja nicht Wert. Hauptsache billig. Lange verhandeln tut man mit solchen Leuten nicht. Bekommen sie die Ware nicht für den geforderten Euro, obgleich das Startangebot beispielsweise bei 5 Euro lag, lassen sie die Ware fallen und gehen schnell weiter. Natürlich ohne sich die zwei Sekunden Zeit zu nehmen, das angetaschte (olle) Buch wieder an die Stelle zurück zu legen, an der es zuvor auslag. Ist ja ein Flohmarkt, keine Buchhandlung. Gutes Benehmen fehl am Platz.

Auch wenn mein heutiges Motto „Alles muss raus“ lautete – der Verhandlungsakt sollte nicht zu kurz kommen. So tauschen Verkäufer und Trödler Argumente aus, warum ein Gegenstand nun 5 oder 1 Euro kosten soll. Im Idealfall treffen sie sich in der Mitte. Natürlich ist der Austausch von Ware und Geld das Hauptziel von Trödelmärkten – für Verkäufer, wie für Käufer. ABER: der Austausch von Informationen wie Zustand, Herkunft, Nutzbarkeit und im besten Fall noch eine  persönliche Anekdote machen meiner Meinung nach den Reiz von Flohmärkten aus. In einem Zeitalter das von Materialismus beherrscht wird, kommen Geschichten meist viel zu kurz.

Ich werde mich heute zum Beispiel daran erinnern, wie ich einen (ungetragenen) türkisen Glitzerhut verkaufte. Warum ich ihn überhaupt besaß ist übrigens auch eine schöne Geschichte – erzähle ich gern auf Nachfrage. Bevor ich wusste, wer sich für dieses einmalige Stück interessierte, hörte ich nur eine fröhliche Stimmung sagen: „Geiler Hut!“ Darüber freute ich mich so sehr, dass mir ein „Geile Reaktion!“ herausplatzte und ich mich innerlich darauf vorbereitete, das gute Teil für 3 Euro verkaufen zu können. Die Käuferin hatte zwar nicht solch einem edlen Hut gesucht, aber spontan an ihren Bekannten namens Kai gedacht, dem vor kurzem ein solcher Glitzerhut auf einer Party entwendet wurde und dem sie nun einfach so eine Freude bereiten wollte. Letztlich ging der Hut (zwar nur) für die Hälfte über die Ladentheke, aber mit einem Gruß an den unbekannten Kai und einer fröhlichen Konversation. Eine kleine Erinnerung – klein und unbezahlbar.

Für dieses Jahr soll es das in Sachen Trödelmarkt-Verkauf gewesen sein. Sonst heißt es bald wirklich: „Ich hab Nix zum anziehen“. Trotz frühen Aufstehens halte ich für heute zwei (persönliche) Erkenntnisse fest:

1.) Bei Fohmarkterei darf Fröhlichkeit nicht zu kurz kommen, sonst werden es sechs überaus anstrengende, stressige und nervige Verkaufsstunden. Ätzend!

Kosmopolitische Kleidung

Kosmopolitische Kleidung

2.) Hinsichtlich Kosmopolit-Faktor von Gegenständen, insbesondere Bekleidung: Wir sollten viel öfter mal einen Blick auf die Etiketten unsere T-Shirts und Hosen werfen. Weit gereits sind nämlich die meisten: Made in Bangladesh. Made in Turkey. Made in China. Die Näher/innen in diesen Ländern verdienen am Tag oft nicht mal den deutschen Flohmarkt-Preis.

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