Messe-Phänomen: Beutel-Ratten

Vor einer Woche tauschte ich meinen Schreibtisch gegen einen Pressetresen eines Kameraherstellers, der auf der diesjährigen Photokina in Köln ausstellte. Sehr früh am Morgen des 17. Septembers bestieg ich einen ICE Richtung Rheinland. Kölnmesse, genauer gesagt. Köln-Deutz. Die andere Rheinseite sozusagen. Aber das nur am Rande…ich bin gebürtige Bonnerin, da fallen solche Anmerkungen schon mal – so wie FC. Sankt Pauli Fans Wert auf das „Sankt“ legen, wenn mal wieder jemand nur von „Pauli“ spricht.

…anyways…

Mit meinem Rollköfferchen vollbepackt mit Business-Klamotten für eine Woche und meiner regenfesten Schultertasche vollbepackt mit Unterlagen und Visitenkarten fühlte ich mich gewappnet für meinen 1-wöchigen Messe-Einsatz. „Was ist schon Großes dabei, ein paar Termine zu verteilen, Press-Kits gegen Visitenkarten der Journis zu tauschen und mit ihnen über den Stand zu laufen?“ dachte ich zuversichtlich. Natürlich: Man steht viel, man lächelt viel und man lächelt freundlich (das kann ich durchaus, wenn ich muss ;))…man ist Ansprechpartner für jeden der Fragen hat.

Für wirklich jeden? Mit Verlaub: Nein, nicht für jeden!

Denn wenn ich im Business-Bereich stehe, zwischen einer Wand auf der in großen Lettern „Press“ (Englisch für Presse) steht und einem Tresen, auf dem keine Gummibärchen, keine Kugelschreiber und keine Sticker, Buttons, Anstecknadeln oder sonstige in meinen Augen früher oder später für die Tonne geeignete Gegenstände liegen, dann weiß ich nicht, WARUM manche mit praktischen Westen gekleideten, festes für eine Messe geeignete Schuhwerk tragende und mit großen Augen geiernde Otto-Normal-Besucher MICH nach sämtlichen Mitnahmegegenständen fragen.

Es liegt sicher an meinem kompetenten und freundlichen Auftreten. Keine Frage! Aber bitte liebe „Beutel-Ratten“ – all den kostenlosen Krempel findet ihr auf den Ständen. Vielleicht auch an der Info oder aus den Händen der ebenfalls freundlich-kompetent lächelnden und viel schlankeren Messehostessen.

Ich muss mich an dieser Stelle kurz besinnen, nicht nur zu „haten“ (aus dem Englischen „to hate“, zu Deutsch hassen). Ehrlich gesagt möchte ich dieses gierige Einsackverhalten nachvollziehen. Zumindest möchte ich es versuchen.

Liegt es an den hohen Eintrittspreisen? Immerhin, eine Tageskarte zur Photokina kostete dieses Jahr 45,00 EURO (in Worten: fünfundvierzig Tacken, teuer) – da will man als Besucher alles mitnehmen, was geht. Inhaltlich für den Kopf wie haptisch für zu Hause. Und mitgenommen wird alles, wie oben bereits beschrieben. Wie großartig, dass sich  sich die Aussteller da nicht lumpen lassen und hochglänzende und farbige Riesentüten produzieren, in die ein Kleinwagen (wie aktuell auf der IAA zu sehen) passt. Ganz entgegen dem Trend der immer kompakteren Kameras. Die Aussteller drucken dann auch noch in fast millionenfacher Auflage Werbeflyer, Infobroschüren und Produktheftchen und legen sie zur Mitnahme aus. Da greift der konsumbewusste Industrieländler schwungvoll, kräftig und schier schamlos zu, stopft sich die Beutel voll und rastet erst wenn die Sohlen der gar nicht mehr so bequemen Schuhe durchgelaufen sind.

Doch: Woher kommt diese unermüdliche Gier nach kostenlosem Gut? Und was macht ihr – liebe Beutel-Ratten – anschließend damit? Ihr werft es in den Müll. Was für ein Kreislauf. Ihr seid sozusagen die kostenlose Müllabfuhr. Die Vor-Sortierer bevor die Messetore am letzten Besuchertag schließen und zum Abbau-Kommando gepfiffen wird. Ihr denkt ihr bekommt alles für umme – aber in Wahrheit zahlt ihr auch noch Geld dafür, den Müll rauszutragen.

Mit Verlaub….das klingt nicht besonders rentabel.

Oder zählt für euch Beutel-Ratten der kurzfristige Triumpf, so viel wie möglich in so viele Tüten wie möglich herum zu tragen? Oder geht es wirklich nur darum, die vermeintliche Gratis-Kultur auszuschöpfen, so lange sie noch besteht?

Mit Verlaub…nichts ist umsonst. Möglich, dass ich für diesen Beitrag ein paar böse Kommentare kassiere – ja, okay…das ist es mir Wert.

Semigelungene Skizze einer Beutel-Ratte (Bleistift auf Serviette)                          – Catie Hoffmann ©

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