Wir sind so Schatz und so…

…so eine Einheit. Eins. Einfach Wir.

Wir machen alles zusammen: schlafen, essen, denken, socializen.

Wir teilen uns WhattsApp-Nachrichten, Tweets, Pokes, Tags und Friends.

Wir haben ein gemeinsames Facebook-Profil.

Wir sind einfach wir.  We like.

ACHTUNG! DIESER TEXT ENTHÄLT ÜBERSPITZTE AUSFÜHRUNGEN.                                         ALLE „WIRS“ BITTE AUGEN ZU UND DURCH  

Bei sogenannten „Wirs“ handelt es sich ursprünglich um zwei Individuen, die durch die chemische Reaktion eines Zuneigungs-Bekenntnisses – umgangssprachlich Liebe genannt – zu einem „Wir“ umgewandelt wurden. Ab dem Moment der Wir-Werdung verliert die jeweilige Individualität an Gültigkeit und alle Aktivitäten werden fortan als Gemeinschaft erlebt.

Für Nicht-Wirs ist die soziale Interaktion mit Wirs spätestens ab der Wir-Werdung nahezu aussichtslos. Ob öffentliche Abschlabberei in Form von speichel-triefenden Zungenküssen oder auch übertriebene Verschatzung, eine in weiten Teilen des Landes einheitliche Kosenamensgebung, sorgen für eine Kommunikationsstörung zwischen Nicht-Wirs und Wirs. Durch einen auf Maximum eingestellten Relevanz-Filter werden die Signale von Nicht-Wirs an Wirs nicht übertragen. Wirs empfangen in der Regel nur Signale von anderen Wirs, nicht aber von Individuden, den Nicht-Wirs – auf Neudeutsch auch als „Single“ bezeichnet. In ihrer Wir-Wahrnehmung wird die öffentlich zur Schau gestellte Innigkeit als völlig normal, sozial und notwendig angesehen. Die Wahrnehmung durch Nicht-Wirs weist jedoch überwiegend das genaue Gegenteil auf. Noch mehr sogar empfinden Nicht-Wirs das Verhalten von Wirs als widerlich und niveaulos, wie eine aktuelle stichprobenartige Umfrage im Umfeld der Autorin ergeben hat. Das sei besonders auffällig in der Anfangsphase der Wir-Werdung – kann aber je nach Intensität des Wir-Gefühls, unterschiedlich lang anhalten.

Nicht-Wirs sind der Auffassung, dass eine reguläre Kommunikation und soziale Beziehung in Form einer Freundschaft – u.a. gehören dazu neben der Nachfrage des jeweiligen Befindens auch gemeinsam verbrachte Zeitintervalle – signifikant und notwendig seien für den Erhalt und die Stärkung der Kommunikation und Beziehung miteinander. Grundsätzlich sind Nicht-Wirs auch in der Lage mit Wirs eine solche Bindung einzugehen, werden aber durch die Relevanzverschiebung bei Wirs abgelehnt.

Bei der Umfrage kam jedoch auch heraus, dass eine Beziehung (Freundschaft) zwischen Nicht-Wirs und Wirs durchaus möglich sei. So berichteten Nicht-Wirs, dass sie es durch hartnäckiges Zureden geschafft hätten, sich Gehör bei Wirs zu verschaffen. Durch das Aufstellen von Regeln, wie sich Wirs in der Gegenwart von Nicht-Wirs verhalten sollten, konnte die Kommunikation – auch in der analogen Öffentlichkeit – wieder hergestellt werden. So hätten Wirs vereinzelt sehr verständnisvoll reagiert und wären dankbar für die konstruktive Kritik ihrer Freunde.

Es bleibt noch zu klären, in wie fern dieses Phänomen abhängig von Alter, Bildung und etwa sozialer Herkunft ist. Ferner bleibt offen, ob Wirs sogar sehr bewusst ihr Wir-Gefühl maximal veröffentlichen und ob Liebe langfristig nicht sogar einsam und langweilig macht, da der Austausch mit Andersartigen mit der Wir-Werdung reduziert wird.

Dies gilt es weiter zu beobachten.

Danke an Florian für diesen Themenvorschlag🙂.

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