Menschen im Museum

Menschen im Museum

Die typische Pose eines Museumsbesuchers: Stand = etwas weiter als schulterbreit, den Oberkörper im leichten Hohlkreuz, die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf nachdenklich zur Seite geneigt.

Menschen im Museum sehen oft seeeehr konzentriert aus. Ich habe es das erste Mal im Städel in Frankfurt beobachtet, als dort eine Boticelli Ausstellung die Massen anlockte. Weil Boticelli muss man mal gesehen haben. Das war Ende 2009.

Jedes Mal wenn ich am Städel vorbei radelte warteten dort geduldige Menschenschlangen auf der Strasse – bis ums Eck. Die Kunst lockte sie an. Die Kunst hinderte sie nicht daran, im bitterkalten Winter zu harren. Es schien, als würden sie sich schon draußen im Schnee auf die Museumspose drinnen konzentrierten.

Man kehrt so in sich hinein. Man ist dann ganz für sich.

Das beobachtete ich fortan nicht nur im Städel, jedoch ganz besonders in der Boticelli Ausstellung von der man – mit Verlaub – ob der Menschenmassen leider nur wenig sehen konnte.

Neulich erst war ich im Bucerius Kunstforum zur New York Photography Ausstellung. Das war ganz bizarr an dem Tag. Denn draußen herrschte Highlife um den Triathlon – die Profifrauen sportelten da um die Wette. Die Stadt war laut. Die Stadt war voll. Doch:

Kaum war die schwere Eingangstür des Bucerius Kunstforums hinter einem zugefallen, ward es still um einen.

Museumsmagie. Gibts auch in Kirchen.

Als Museumsgänger hat man so seine Abfolge. Je nachdem: Karte holen/Garderobe abgeben – Toilette – Rundgang starten – Rundgang beenden – Garderobe holen – Toilette – optional Museumsshop/Kaffee trinken.

Kaum startet man den Rundgang taucht sie wieder auf, diese Pose. Ob Mann oder Frau. Alle verfallen sie in dieses – ich nenne es mal das: nachdenkliche Hohlkreuz. Als hätte jemand einen Knopf gedrückt, sobald man einen Fuß in einen Ausstellungsraum setzt. Und dann – das ist auch nicht ohne – nachdem man ein Kunstwerk (sei es ein Bild, eine Fotografie, eine Skulptur) lang oder kurz betrachtet hat – lohnt es sich den Menschen im Museum noch etwas länger zuzusehen.

Natürlich kommt es ganz darauf an, an welchem Punkt der Ausstellung sich jemand befindet und wie der/diejnige innerlich auf die Kunst und den Museumsbesuch eingestellt ist. Hat man es eilig – rast man von Werk zu Werk, nickt die Ausstellungsstücke einfach ab, es bleibt nichts hängen. Hat man Zeit – schlurft man so durch die Räume, geht vielleicht noch mal zürück, wechselt den Betrachtungswinkel, setzt sich – sofern Sitzmöglichkeiten vorhanden, nachdenklich (!) – immerzu nachdenklich, schwer grübelnd – vor ein Werk und sinniert darüber. Die Atmung ist dabei ganz ruhig. Das ganze „Ich“ völlig im Zen. Oder so – ich schweife ab…

Es gibt natürlich auch solche Museumsgänger, die das nachdenkliche Hohlkreuz nur imitieren und eigentlich mit Kunst nichts anfangen können. Die schwatzen sehr laut. Kauen wahrscheinlich auch Kaugummi. Machen Fotos mit Blitz oder posten irgendwas Bahnbrechendes auf Facebook „Goil – ich so im Museum“. Das sind so Leute, die im Theater auch nicht still sitzen können. Dazu an anderer Stelle später bestimmt mal mehr.

Und dahannn gibt es auch solche Austellungen/Kunstbegegnungen, bei denen das „nachdenkliche Hohlkreuz“ gar nicht zum Einsatz kommt. Da zählt dann doch, egal ob Kunstkenner oder Kunstbanause, die Offenheit gegenüber dem Unbekannten. Aktuelles Beispiel hier in Hamburg: Horizon Field in den Deichtorhallen. Kann man mal gesehen haben. Ich persönlich bin ein Riesenfan von Erlebniskunst. Vor zwei Jahren schon gab es, auch in den Deichtorhallen, eine Riesen-Hüpfburg. Die White Bouncy Castle

Ganz kurz gesagt: Bei beiden Installationen geht es um den Besucher – der selbst Teil der Kunst wird, sie bewegt und sich bewegt.

Kann man auch lange drüber sinnieren.

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