Jedem sein Lotto

Normalerweise fahre ich mit dem Rad zur Arbeit. Normalerweise…
Da dieses gestern morgen jedoch bereits am Arbeitsplatz stand und ich kein Freund von öffentlichen Verkehrsmitteln bin, dafür jedoch ein riesengroßer Freund frischer Luft, entschloss ich mich, zu Fuß zur Arbeit zu gehen.
Mit meinem umeltfreundlichen Becher für Heißgetränke to Go in der linken Hand und leichtem Nieselregen auf mich hinab tropfend, spazierte ich fast seelenruhig am Kaiser Friedrich Ufer, über die Weidenallee ins belebte Schanzenviertel. An mir fuhren ächzende Linienbusse vorbei, klingelnde Radfahrer, geschäftige Geschäftsleute in ihren dunklen Firmenwagen; ich begegnete schwatzenden Schülern, kackenden Hunden, walkenden Omis…ich nahm sie länger wahr, als wenn ich mit dem Rad zur Arbeit fahren würde, da mich meine Füße in einem sehr gemütlichen Schritttempo zur Arbeit trugen.

Auf der Weidenallee befindet sich etwa in der Mitte, von der Christuskirche kommend auf der rechten Straßenseite, ein Kiosk mit Lottoannahmestelle. Ich spiele kein Lotto. Ich halte generell nichts von Glücksspielen – nicht wegen Suchtgefahr, eher weil ich meinen Glauben, dass mir etwas Gutes widerfahren wird, nicht in einen Schein mit Kästchen und Zahlen stecke und Geld ja nicht automatisch gleich „gut“ bedeutet. ABER, man soll ja nicht von sich auf andere schliessen. Dort am Kiosk/Lottoladen stand an einem Stehtisch unter der Markise ein Obdachloser. Zumindest nahm ich an, dass es sich um einen obdachlosen Mann handelte, da er zum einen streng nach Urin roch, verfilzte Haare hatte, verdreckte Kleidung trug sowie einen Schlafsack umgebunden hatte und an seinen Beinen eine Plastiktüte lehnte. Dieser Mann füllte gekonnt und mit schwungvollen Buchstaben einen Lottoschein aus. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich nicht sehen, nur erahnen – konzentriert. Wie guckt man wohl, wenn man einen Lottoschein ausfüllt? Einige gucken bestimmt kindlich beschämt aufs große Geld hoffend, andere widerumangespannt aufs große Geld hoffend oder gestresst aufs große Geld hoffend.

Im Vorbeigehen wunderte ich mich, dass dieser Mann Lotto spielte. Ich wusste ja nicht, ob er ein erfahrener oder nur Gelegenheits-Lottospieler war. Ich wusste auch nicht, wie er das Kleingeld für den Lottoschein bekommen hatte – oder ob ihm vielleicht jemand den Schein geschenkt hatte. Ich fragte mich auch, wie die Reaktion der Lottoannahme-Person war, als der Mann seinen Schein abgegeben hat. Ob sie in schon kannten? In jedem Fall, hatte er Hoffnung auf den Gewinn.

Heute Abend wird er vielleicht schon erfahren, ob seine Zahlen die Richtigen waren. Was wird er dann wohl mit dem Geld machen? Wird er es schaffen, von der Strasse zu kommen…oder hat er sich gar damit ganz gut arrangiert? Und was passiert, wenn es (wieder) nicht geklappt hat?

Nach Feierabend bin ich übrigens wieder aufs Rad gestiegen und mit Fahrtwind in den Haaren in den Sonnenuntergang „geritten“. Mein persönlicher 6er im Lotto.

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